Kabarett-Abende, bei denen jeder Gast im Publikum das gerade Gehörte aus eigener Erfahrung bestätigen kann, sind selten. Das Gastspiel von Hans Gerzlich in der ausverkauften KulturScheune in Herborn war ein solcher Fall.
„Ich hatte mich jünger in Erinnerung“, so lautete sein Programmtitel – und schnell war klar: Hier spricht ein „Betroffener“ zum Publikum, der als Best Ager mit 59 Jahren wegen einer neuen Brille erste Falten an sich entdeckt hat. Er ging „als George Clooney ins Bett und als Matthias Reim wieder raus“.
Und ja, das waren noch Zeiten, als die wichtigste Influencerin Deutschlands eine altmodische weiße Haube trug und als Frau Antje Appetit auf Käse aus Holland machen wollte. Gerzlich ist ein feiner Beobachter des allgemeinen, aber auch seines persönlichen Verfalls. „Man nimmt jetzt Hochprozentiges nicht mehr zum Saufen, sondern um sich die Beine damit einzureiben“, stellt er fest. Und überhaupt: Zwei Mon Chérie machen ihn ja schon betrunken. Seine persönliche Garderobe ist inzwischen auf „50 Shades of Beige“ eingerichtet.
Er redet über E-Scooter, sein Testament, den Anzug, den er bei seiner Beisetzung tragen wird („Der ist auf der Rückseite meist offen, da isses doch kalt!“), Erinnerungsschwierigkeiten, Sex und Frührente. Natürlich durfte das Thema Sex nicht fehlen. Zwar „will auch ein alter Gaul nochmal auf die Weide“, aber was, wenn man dann im Schlafzimmer über dem Bett hängende Sauerstoffmasken gegen den Druckabfall baucht? Im Alter ist eben nicht alles schön. Statt einer Scheibe Fleischwurst beim Metzger gibt’s jetzt Tempos und die Rentner-Bravo („Apotheken-Umschau“). Ernüchternd!
Und Gerzlichs Frau? Die empfiehlt ihm einen Sport-BH in der Größe 110 B, „weil alles so schwabbelt“ bei den sportlichen Leibesübungen, die sein Arzt ihm verordnet hat. Statt Baby-Klappen sollte es in den Städten Senioren-Klappen geben, findet er, wenngleich die praktische Umsetzung nicht leicht sei.
Ab und an blitzt auch ein bisschen Politkabarett durch. Sehr drastisch fallen seine Worte zur aktuellen Bundespolitik aus, denn „die Berliner Politik ist so, als ob alle gleichzeitig in einen Ventilator reihern“. Angela Merkel kommt im Rückblick ebenfalls nicht mehr so gut weg. „Ihre Politik war so geradlinig wie der Heimweg von Harald Juhnke in seinen besten Zeiten“, merkt Hans Gerzlich an.
Und dann ist da ja noch Friedrich Merz. Seine wiederholten politischen Comebacks werden zum Thriller „Die Mumie kehrt zurück, Teil IV“. Ganz zum Schluss hat der bekennende Best Ager dann noch den ultimativen Tipp für alle parat, die früher als geplant aus dem Arbeitsleben ausscheiden wollen: Wer in den vorzeitigen Ruhestand gehen will, sollte morgens mit einer Banane am Ohr durch die Flure laufen und ganz laut hineinsprechen. Hilft garantiert, der Chef kommt umgehend und fragt nach dem Befinden.

Gert Fabritius
Gert Fabritius ist freier Fotograf und Mitglied unseres Vereins. Der Driedorfer hat seit einigen Jahren die Foto-Dokumentation all unserer Veranstaltungen in der Kulturscheune übernommen und in dieser Zeit mehrere zehntausend Fotos zusammengetragen.






