Auf der Suche nach dem Glück

Auf der Suche nach dem Glück
„Wir bieten eine Front für das Wort“, sagte Sandra Kreisler, als sie sich in Herborns „KulturScheune“ mit ihrem Partner Roger Stein auf die Suche nach dem Glück begab. „Ein schöner Titel in Zeiten wie diesen“ – so ließ sich die „Wortfront“-Sängerin mit der dunklen Stimmwärme vernehmen, um sich anschließend mit dem Pianisten, Komponisten, Sänger und Verseschmied in ihr Programm voller satter Lieder und Texte zu stürzen. 

In Herborn gewannen „Wortfront“ 2011 zwei „Schlumpeweck“-Preise und erlebten dort ihr künstlerisches Coming Out. Das spornte sie zusätzlich an, um sich mit Verve und Leidenschaft in ihre unterhaltsame Show mit Hintersinn, Tiefsinn und einem gehörigen Maß an kessem Frohsinn zu begeben. „Ich bin entschlossen, mir mehr Zeit zu nehmen“, sang Sandra Kreisler zum Takt eines Metronoms in ihrem Eröffnungslied über die Zeit und den alltäglichen Umgang mit ihr.

Peppiger, rockiger, ohrwurmtauglicher und frecher kamen ihre Lieder und herzerwärmenden Balladen daher, in denen sich „Wortfront“, fernab jeglicher Belehrung, ihre wortgewandten, schalkhaften und ironischen Gedanken über den Zustand unserer, sich in einem rasanten Transformationsprozess befindlichen Gesellschaft machen.

Die postmoderne Gesellschaft, die komplett überwacht wird, verarbeitete Kreisler in einem Rap-Stakkato, während Stein am Klavier den Takt dazu vorgab. Und auch dafür, wie man das Glück misst und über das Glück zu haben glücklich sein kann, fand das Duo die passenden Reime.

Selbst so profane, aber gesellschaftlich relevante Angelegenheiten wie die Grillkultur wussten sie sich wenig maßvoll zu äußern: „Warum gibt es kein Stillleben auf die Bratwurst?“

„Wortfront“ zitierten fleißig Werke der Klassiker Goethe und Schiller, um so den offensichtlichen und geheimen Schwächen unserer Mentalität auf den Grund zu gehen.

Gekonnt nahmen sie Fragen über die allgemeine Unsicherheit auf die Schippe, um letztendlich zu konstatieren, dass das Glück ein flüchtiges Gut sei und dass die Zukunft grausam werde. Das Duo empfahl daraufhin, die Herbstzeit für die letzte Liebe vor dem Schluss zu nutzen.

Böse Lieder, schrille Töne, zarte Lyrik waren bei Sandra Kreisler und Roger Stein Programm, der unter anderem ein nachdenklich stimmendes Lied über seine Schweizer Familie vortrug. Hörendwert auch ihr Gedicht auf „ihr“ Berlin, ein Statement wider die Ignoranz und die Selbstsucht. Die Liebe, die Zeit für Zartheit und Vertrautheit standen gleichberechtigt neben ihren Liedern, die das Publikum herausforderten, die eigenen Vorstellungen vom Lebensglück ganz nebenbei zu hinterfragen und dabei resultierende Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten am Schopf zu greifen. Phobien hatten aus Prinzip bei ihnen ebenso keine Chance wie angstmachende, unwissende Politiker.

Sandra Kreisler und Roger Stein wateten des Weiteren übers Wasser, schnürten ein Sorglospaket, allerdings ohne Garantie auf Erfüllung und sinnierten über den Ehestand, der mit dem letzten unwidersprochenen Wort des Ehemannes beginnt und letztlich beim Scheidungsanwalt endet.

„Das Leben ist ein launisches Wesen“, stellte das Duo am Ende seines zweistündigen, frenetisch beklatschten Auftritts fest. Letztlich begleitet von einem „Alles vor dem Aber ist egal“ und der Aussicht, den Tod im Nacken zu spüren, der noch vor dem Frühstück an der Tür klingelt, machte ihr Auftrag, viele kluge Worte zu verteilen, ganz viel Sinn.

 

 

 

Gert Fabritius

Helmut Blecher