Fast 30 Jahre sind vergangen, seit das wohl profilierteste Theaterstück „Tod und Leben“ von Herborns Ehrenbürger Walter Schwahn letztmals aufgeführt worden ist. 1997 erlebten die Besucher im Hof der Hohen Schule die tragischen Geschehnisse einer Stadt in den Klauen der Pest, in der sich Gesetzestreue und Bürokratie dem Bedürfnis nach Menschlichkeit und Nächstenliebe gegenüberstehen. Bei der Wiederaufführung des Stücks am Freitagabend konnte das Publikum in der ausverkauften Herborner „Kulturscheune“ eine Premiere erleben, in der sich das Sommerstück-Ensemble der „KuSch“ mit leidenschaftlichem Spiel einbrachte.
Unter der Regie von Albert Follert und Adelheid Simmer behutsam modernisiert, erlebte die tragische Geschichte des 1989 verstorbenen Heimatdichters Walter Schwahn eine zutiefst berührende Neuauflage, die ein bedeutendes Kapitel der Herborner Stadtgeschichte widerspiegelt.
Man schreibt das Jahr 1635. In Herborn wütet die Pest. Die Räumlichkeiten der Hohen Schule drohen zum Siechenhaus zu werden. Doch ein Medizinstudent, Meinrad Hofstetten, gespielt von Jonas Wogenstahl, widersetzt sich und versucht, zu helfen, um Schlimmeres zu verhindern.
Die Studenten möchten nicht mehr länger tatenlos zusehen und ergreifen die Initiative, denen zu helfen, die noch übrig geblieben sind. Dies verstößt jedoch gegen das hohe Reglement und verärgert die Professoren. Was ist in dieser Situation geboten? Was befiehlt einem das Herz? Soll man sich an Recht und Ordnung halten, dem Tod nur neue Nahrung zuführen, oder einfach der Vernunft folgen, die Nächstenliebe und Hilfe in größter Not einfordert?
Schwahns packendes Stück führt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück, die von totaler Entmenschlichung geprägt war. Hier setzt Schwahn an, um den einfachen Leuten eine Stimme zu geben. Die klugen Männer stellen sich hingegen nicht den Prüfungen, die ihnen auferlegt wurden. Ohnmächtig stehen sie dem Grauen der Pest gegenüber, die sich durch die Häuser der Stadt frisst.
Über zwei Stunden lang geben die Akteure den dramatischen Ereignissen eine von großer Spannung und Anspannung getragene Stimme. Kreativ ist die Figur des Stadtschreibers, gespielt von Helmut Rolfes: Per Video wird er vor jedem Akt gezeigt.
Herausragend ist die Rolle von Manfred Becker als Johannes Irlen, Professor der Theologie, der den Zwiespalt zwischen Pflichterfüllung und dem Bedürfnis, zu helfen, mit enormer Präsenz ausfüllt. Thomas Jopp und Thomas Schlabach als Professoren der Medizin und der Philosophie lassen es an der Intensität, die ihre Rollen erfordern, ebenso wenig fehlen wie Fabian Herr als Totengräber sowie Jörg Michael Simmer als Pedell der Hohen Schule sowie Susanne Schlabach als seine Frau Henriette.
Alle Heimatspieler lassen keinen Zweifel an ihrem Gespür aufkommen, sich in ihre Rollen mit großem Spieldrang und Empathie einzufinden. „Tod und Leben“ ist eine zeitlose Fabel für kreative Widerständigkeit.
Das Stück „Tod und Leben“ wird noch einmal am Mittwoch, 26. August, am Freitag, 28. August, und am Samstag, 29. August, in der Herborner „KuSch“ aufgeführt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Tickets gibt es im Vorverkauf ab 16 Euro (ermäßigt: 11 Euro) bei Optik Tafelski, im Reisebüro Herborn oder im Stadtmarketing-Büro sowie unter www.kusch-herborn.de.
(Fotos: Helmut Blecher)




