Frau Tausendschön eiert herum

Frau Tausendschön eiert herum

In der Herborner Kulturscheune ist Frau Tausendschön immer wieder ein gerne gesehener Gast. So auch bei ihrem inzwischen fünften Auftritt, als sie sich in der Kunst des absolut bühnentauglichen Rumeierns übte. Begleitet von dem kanadischen Gitarristen William Mackenzie gab die Komödiantin, Sängerin und Musikerin alles, um das Publikum mit ihren ungewöhnlichen aber höchst kreativen Einfällen zu eigenen Rumeier-Versuchen zu animieren. „Hier kann man echt Mensch sein.“ Mit diesen Worten begrüßte Nessi Tausendschön das Herborner Publikum und stellte ihren Bühnen-Partner vor, der als One-Mann-Band viel günstiger ist als eine komplette Combo. Billig zu haben ist Frau Tausendschön hingegen nicht.

Sie beklagt sich darüber, was wir alle verloren haben und vielleicht bald auch die Demokratie. Widerstand ist in diesen, unseren postfaktischen Zeiten gefragt, wo gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Sie singt über das, was alles weg ist. Auch die Zuversicht, die es angesichts von Trump schwer hat. „Ich möchte dieses Gesicht nicht mehr sehen“, befindet sie. Auch Friedrich Merz und sonstige Konsorten bekommen im „Rumeier-Blues“ ihr Fett weg.

Dumme Antworten auf dumme Fragen findet Frau Tausendschön toll. Und Dummheit findet sich überall, um mit Verve dagegen zu eiern. Auch gegen die Abkehr vom Bargeld weiß sie die passende Antwort. „Geld ist nicht alles und kann nicht alles. Wenn es da ist, muss man es einfach raushauen.“ Mit singender Säge und schriller Stimme gibt sie dazu Ulrich Roskis Klassiker „Immer mein Bargeld“ zum Besten.

Deepfakes, von KI-erzeugt, hat die „Gazelle des Kabaretts“ nicht nötig, sie schafft es auch ohne solche Unterstützung sich in Max Rabe, Nena und Nina Hagen zu verwandeln. Den unterdrückten Männern lässt sie ironisch Genugtuung widerfahren: „Ihnen fehlt die Stutenbissigkeit, um sich gegen die Cousinenwirtschaft zu behaupten.“

Mal wild gestikulierend, mal sich als Operndiva gerierend, singt und tanzt sich Nessi Tausendschön durch ihre Auseinandersetzung mit der schönen neuen Welt, während William Mackenzie nicht nur als Saitenkünstler, sondern auch als Zauberer und Jongleur glänzt.

 

 

Gert Fabritius

Helmut Blecher