Zwischen Elternzeit und Melancholie

Zwischen Elternzeit und Melancholie
Seit seiner ersten Ausgabe 2008 ist der Wettbewerb um den Kleinkunstpreis „Schlumpeweck“ nicht mehr aus dem Programm der Herborner „KulturScheune“ wegzudenken. Auch zur 14. Auflage stellen sich vier Solokünstler und zwei Duos an drei Abenden der Jury und dem Publikum. Den Anfang machten der scharfzüngige Gesellschaftskritiker, Comedian, Schauspieler und Poetry-Slammer Florian Hacke und der Klavierkabarettist William Wahl. 

Florian Hacke ist ein wortgewandter, bissiger, kritischer und bisweilen zynischer Beobachter zwischenmenschlicher Beziehungen in Zeiten von Instagram, Hashtag-Blogs und Influencer-Schwemme. Er singt, rappt und parliert sich durch die Ambivalenz von Homeoffice und Elternzeit. Wie wird man als Vater den Anforderungen der Kindererziehung gerecht, die wohl immer noch eine Domäne der Mütter ist? „Bleibt der Papa zu Hause, ist er arbeitslos und Mutter muss auf Schicht“, sagt Hacke. Das Multi-Talent schickt sich und das Publikum in einen Papa-Kurs, in dem sich die unterschiedlichsten Typen tummeln – von ultracool bis kleinbürgerlich behäbig, präzise in Wort, Sprache und Mimik aufgereiht. Florian Hacke steht vom Wickeln bis zum Elterngeld-Hashtag steht ständig unter Strom und unter Beobachtung. Düster ist der Humor des gänzlich uneitel wirkenden Kleinkünstlers, der es versteht, allen Erziehungstrebern und Helikopter-Eltern Mores zu lehren. Der heilen Welt von „Conni & Co.“ setzt Hacke die böse Märchenwelt der Brüder Grimm entgegen. Und so treffen „Schneeweißnicht und Dosenbrot“ auf einen Bären, der natürlich ein verwunschener Prinz ist.

Auf dem Spielplatz wird Hacke misstrauisch beäugt von den Müttern, deren Beschäftigung sich vornehmlich um Pipi, Kacka und Kotze dreht, wenn sie nicht gerade Kinderfotos tauschen. Da flüchtet er sich singend schon mal in die Welt, in der aus kleinen Mädchen Topmodels werden, die letztlich im Dschungelcamp landen. Hackes Wunsch für seine Kinder? Hauptsache, sie werden keine Arschlöcher. Chapeau für einen Künstler, der weiß, wovon er redet.

William Wahl, der zweite Mann des Abends, hat sich ganz der Musik verschrieben. Nachdem er in der „KuSch“ schon zweimal mit der A-Cappella-Formation „Basta!“ zu Gast war, präsentiert er sich nun als Solokünstler. In Dur und Moll spielt er als Klavierkabarettist auf der Tastatur der Gefühle – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Chansons, Couplets und poppig aufgepepptes Liedgut im Boogie- und Tango-Rhythmus sind die Hardware, aus denen er seine Lieder schmiedet.

Belegt mit feinem Humor und bissigem Wortwitz geht Wahl den Widersprüchen des Lebens auf den Grund, schüttet komödiantisch, garniert mit einem Schuss Melancholie, sein herrlich sarkastisches Herz aus. Seine Stimme ist so eingängig wie seine Texte, sei es „Schicke Kita“ – seine Version des „Abba“-Hits „Chiquitita“ – oder „Ansichtskarten aus Berlin“ auf die Melodie von Joshua Kadisons „Picture Postcards from L.A.“.

William Wahl, der sich als der netteste Mensch bezeichnet, den er kennt, kann mit seinem ersten Programm als Solo-Klavierkabarettist auch in Herborn punkten. Man mag seine schelmische Art, mit der er seine „Wahlgesänge“ anstimmt. Um glücklich zu sein, bedarf es beglückender Musik. Und die liefert der Entertainer reichlich, wenn er dabei von einem geplanten Draufgänger-Urlaub „in Flagranti“ oder von Tarzans tragikomischem Ende im RTL-Dschungelcamp berichtet.

 

 

Gert Fabritius

Helmut Blecher