009 PanFZ1000 031510 840

Mit deutschen Absonderlichkeiten und mit dem Weltgeschehen hat sich der Kabarettist Thomas Reis auseinandergesetzt. Sein brandneues Programm trägt den vielsagenden Titel "Das Deutsche reicht".

Sehr zum freudigen Entsetzen seines Publikums, das Mühe hatte, den rasend schnellen Gedankengängen des mit berserkerhaftem Eifer agierenden "Sprengmeisters" der Dummheit und Ignoranz zu folgen, agiert er auf der Bühne.
Thomas Reis ist ein Meister fantastischer Wortschöpfungen, wenn es darum geht, den Populismus und sein Personal - von Alice Weidel bis "Grabschfinger" Donald Trump - fachgerecht zu zerlegen. Jedes Mittel ist dem Satiriker recht, um dem Wahnsinn unserer Zeit mit Witz zu begegnen.
Grenzen kennt er im wahrsten Sinn des Wortes nicht. Bitterböser Humor, selbst Zoten, Kalauer und Zynismus kennen bei ihm keine Obergrenze. Geschont wird nichts und niemand, wenn sich Reis mit Mitteln der Parodie, des Gesangs und der Dialektkunst an AKK "Krampf Karrenbauer", der homöopathischen Herrschaft von Angela Merkel oder dem Beruf des Politikers an sich abarbeitet, für den man bekannterweise keinen Befähigungsnachweis erbringen muss.
Die Weltpolitik im Spannungsfeld zwischen Wahn und Witz, Fake You und Fuck You, Fliegensterben und Krächts-Populismus, erfährt bei Thomas Reis keine Gnade - selbst nicht bei seinem rückwärtsgewandten Blick auf die gute alte Zeit, als die Werbung noch der "Borkenkäfer der Hirnrinde" und der Volkswagen unser Wohnzimmer war.
Doch kurz darauf kratzt der Kabarettist wieder am gegenwärtigen Elend. Die Wirtschaft boomt, die Armut wächst, und ohne Kriege gibt es keine positive Handelsbilanz. Die Flüchtlinge werden von Horst Seehofer halbiert, die Religion gehört nicht zu Deutschland, der Mord an den Juden schon: "Endlösung ist das deutscheste aller Worte."
Für Thomas Reis ist die Zeit reif für eine Revolution, zumal Wahn der neue Sinn ist und Gottes gebrannte Kinder sich unter der Ägide von Donald Trump aufmachen, mit ihrem kreationistischen Gedankengut die Hirne der Menschen zu verkleistern. In rasantem Tempo tischt der Kölner Schnellsprech-Schlagzeilen wie "Theresa May wird Miss Juni". "Die SPD sucht Volk" oder "Das Leben von Olaf Scholz im Schatten der Raute" auf.
Die Erkenntnisse des Kölners sind es wert, erkannt zu werden. Doch seine Ausflüge in die große weite Welt des politischen Kabaretts, in der es um Toleranz, Meinungsfreiheit und Manipulation, Geheimdienste, Waffenexporte, Gotteskrieger, Flüchtlinge oder die Groko geht, wechseln in allzu rascher Folge. Da bleibt kaum Zeit, sie nachhaltig zu verarbeiten.
Die Frau in der Gesellschaft, veganes Essen ("dann lieber Kommunismus"), das gendergerechte Neusprech und Frank Zappas Hit "Bobby Brown", den Thomas Reis kongenial als visionäre Ode auf Donald Trump darbrachte (They say I'm the cutest boy in town / My car is fast, my teeth is shiney /I tell all the girls they can kiss my heinie"), waren weitere Themen im kunterbunten, schrillen und schrägen Panoptikum des Kabarettisten, der mit Lust provoziert, seziert und analysiert. Ist Rassismus nur schwarzer Humor? Wo hat man als Pessimist die beste Aussicht? - im Panoramasarg. Und warum zapft man das Bier nur aus dem Hahn und nicht aus dem Huhn?
Der Nonsens in unserer Gesellschaft ist für Reis Konsens. "Ich habe ein gut ausgebautes Oberstübchen, aber das Gerümpel darin wird immer mehr", bekennt er und häuft sogleich neue Gedanken um den Zustand der Natur auf: "Wenn ihr den letzten Vogel abgeschossen habt, werdet ihr feststellen, dass man Überraschungseier nicht essen kann."
Auch das Jenseitige und der Glaube an ein Leben nach dem Tod kommen bei Thomas Reis nicht zu kurz. "Der Veganer beißt jeden Tag ins Gras, und für Moslems ist der Tod der einzige Weg in den Swingerklub zu kommen", sagt der den Religionen nicht sonderlich zugetane Spötter, der den Islam nicht mag, weil "die" ihn schon frühmorgens zum Gebet rufen, wo er doch so gerne ausschläft.
Verdammt ausgeschlafen war seine zweistündige Revue, in der es keine Obergrenze für schwarzen Humor gab. "Ich lach mich tot, aber vorher lachen wir kaputt, was uns krank macht - ohne Rücksicht auf Verluste, denn wer als Demokrat Rücksicht nimmt auf die Rücksichtslosen, der begeht Selbstmord aus Todesangst", verkündete Thomas Reis. Das KuSch-Publikum genoss seine Gedankenexperimente, für die Reis regelmäßig auf das Stilmittel des Dialogs zurückgriff, wie der von Jogi Löw mit Mesut Özil.
(Fotos: Gert Fabritius)

 

 
Autor
Helmut Blecher

helmut-blecher

Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn