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Nachrichten kommentieren – ohne Moralkeule, aber mit sprachlicher Florettklinge: Das ist die hohe Kunst von Arnulf Rating, der jetzt zum zweiten Mal in der KuSch gastierte und mit seiner Sptrachpower begeisterte.

Seit Jahrzehnten ist der Berliner Kabarettist am Puls der Zeit. Bis 1990 mit den legendären "3 Tornados" auf den Kleinkunstbühnen unterwegs und seitdem auf Solopfaden, hat er sich auch in Herborn ein treues Publikum erspielt. In der "KulturScheune" fegte er mit seinem aktuellen Programm "Tornado" über die Bühne und machte bei seiner Reise in die Welt der Manipulation wahrlich viel Wind.

Der erste Ehrenpreisträger des Hessischen Kabarettpreises betrat schwer bepackt und reichlich gestresst die Bühne. Die ewige Qual des Reisens mit der Bahn und dann auch noch der Hunger, der sich spätabends nur noch mit Fast Food oder mit einem Hähnchen stillen lässt, das mit so viel Antibiotika gemästet wurde, dass man ein Jahr lang nicht mehr zum Arzt gehen muss, brachte Rating zu seinem ersten Thema: Sollte man kein Fleisch mehr essen? Seine Antwort: "Am vielbefahrenen Mehringdamm in Kreuzberg gibt es eine vegetarische Fleischerei, die Ökofreaks aus aller Welt anlockt. Die Feinstaubmenge, die sie beim Warten in Kauf nehmen, schert sie dabei nicht."

Der Irrsinn, der sich tagtäglich in unserer Gesellschaft breit macht, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, findet seinen Niederschlag auch in den Medien. Und die zitiert das Kabarett-Urgestein mit Verve und großer Verwunderung: "Was ist das? Ich weiß nicht?" Doch Rating weiß Bescheid, filtert aus den Presseorganen wie FAZ, "Bild" oder dem Herborner Tageblatt die Schlagzeilen, die uns anregen, aufregen und letztlich doch nur irritieren.

Arnulf Rating ist unschlagbar in seinem Element: Ob AfD und Naziklüngel, ein Verfassungsschutz, der überwacht gehört, eine Angela Merkel, die "ein Schatten ihrer selbst ist" (BZ) oder eine "SPD, die keine Faust mehr recken kann, weil man überall die Finger drin hat" - stets ist er auf der Höhe der Zeit und ist dabei politisch unkorrekt.

Wo andere kräftig in die Moraltrompete tuten, beschränkt sich Rating aufs Kommentieren der Nachrichten, die uns mit ein paar Klicks ins Postfaktische katapultieren. Fakten stehen nicht mehr im Mittelpunkt, sondern Aussagen, die nur noch auf Gefühlen beruhen.

Das Mittelmaß - wie Außenminister Heiko Maas, so Rating - wird zum Maß aller Dinge. Die Wahlen im Wahllokal werden zur Qual, weil die Listen immer länger und das zu wählende Personal immer schlimmer wird. AKK - Rating: "Angelas katholischer Klon" - kommt, Andrea Nahles, "die Stradivari unter den Arschgeigen", ist schon da, und ein Söder ist, so der Kabarettist, sogar den Chinesen zuvorgekommen: "Er lebt schon lange hinterm Mond."

Ratings Exkursion in digitale und andere Welten zeigt, welche Spinner und Spindoktoren an unserem Weltbild drehen. Mit köstlichem Scharfsinn und Sprachwitz filtert er aus dem Sprachmüll der Meldungen den Rohstoff heraus. Er weiß: Der Schnee von gestern kann die Lawine von morgen sein.

Nachdem Rating noch der Mülltrennung das Wort redet ("Die Urne und die Tonne sind die Säulen unserer Gesellschaft"), die Ehe für alle lobt ("Kann ich jetzt auch mein Smartphone heiraten?") und sich fragt, ob wir wegen der Aufnahme von Plastikmüll in unserem Körper nicht auch in den Gelben Sack gehören, wird der Kabarettist philosophisch und psychologisch.

Unterstützt mit Bilddokumenten per Videoleinwand, lässt er den Vater der PR, Edward Louis Bernays, zu Wort kommen. Mit seinem 1928 erschienenen Buch "Propaganda" lieferte der Neffe von Sigmund Freud die publizistische Blaupause für Joseph Goebbels. Dass Manipulation der Massen nicht nur in einer Diktatur funktioniert, demonstrierte Rating anhand der Initiative des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg.

Bernays These, dass "die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft ist, wissen auch die Mächtigen von heute und deren Marktschreier, die die Massen heute über ,Facebook' und ,Twitter' auf dem Laufenden halten". Da blieb Arnulf Rating im Krankenschwesterkostüm nichts anderes übrig, als seinem Alter Ego am Ende ein paar Beruhigungspillen zu verabreichen.
(Fotos: Gert Fabritius)

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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