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Theaterfreunde kennen Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie „Der Besuch der alten Dame“. Vielfach aufgeführt und mehrfach verfilmt, hat das Stück nichts von seiner Aktualität eingebüßt - so auch in der KuSch.

Holger Heix, seit 2012 für die Sommerstücke der Herborner Heimatspieler verantwortlich, hat Dürrenmatts gallenbittere Komödie für die Bühne neu bearbeitet und das Publikum zu Bürgern der Kleinstadt Güllen und zu Mitentscheidern über Leben und Tod des Kaufmanns Alfred Ill gemacht.

Groß war die Erwartung des Publikums. Schließlich war diesmal irgendwie alles anders. Bühne und Saal waren Zuschauer- und Tatort zugleich. Man konnte sich nicht als unbeteiligter Besucher des auf „Der Besuch“ reduzierten Stückes fühlen, sondern musste am Ende Farbe bekennen zur Frage: Wie halte ich es mit der Moral angesichts der Aussicht auf ein beträchtliches Vermögen?

Helmut Rolfes gab den Moderator dieses ungewöhnlichen Theaterabends, bei dem Dürrenmatts tragische Komödie als eine groteske Fantasie auf den Zeitgeist in einen dramatischen Showdown mündete.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht der geschundene Körper und die zutiefst verletzte Seele der Milliardärin Claire Zachanassian (Eva Schauwecker). Sie kehrt in ihre inzwischen heruntergekommen Heimatstadt Güllen zurück, aus der sie als Klara Wäscher mit Schimpf und Schande vertrieben wurde. In der Stadt trifft sie auf eine willfährige Bürgerschaft, die hofft, etwas von ihrem Reichtum abzubekommen. Claire, eskortiert von zwei finster aussehenden Leibwächtern, die sie vom Galgen freigekauft hat, macht der Stadt und den Bürgern ein Angebot: Die stiftet zwei Milliarden, wenn sie dafür Gerechtigkeit erfährt. Sie will den Tod des Kaufmanns Alfred Ill (Albert Follert), der sie einst mit einem Kind sitzen gelassen hat.

Was zunächst von allen brüsk abgelehnt wird, weil solches Ansinnen ihr sittliches Gewissen zerstören würde, beginnt rasch zu bröckeln. Die „Schicksalsgöttin“ Claire gewinnt die Oberhand. Die Aussicht auf Reichtum verändert die Bürger von Güllen, die bereit sind, einen „Gerechtigkeitsmord“ zu begehen.

„Wir waren doch alle froh, als sie weg war“, sagt ein verzweifelter Alfred, gegen den sich schließlich seine Frau Mathilde (Cornelia Glade-Wolter) wendet, und im Prozess gegen ihn die Todesstrafe fordert. Nicht nur das Gericht, sondern auch die Zuschauer haben die Möglichkeit, per Stimmzettel in Form eines Schuldigscheins und einer 1000 „Kusch“-Banknote über Tod oder Leben des Angeklagten zu entscheiden. Wie hält es jeder Einzelne mit der Gerechtigkeit, wie begegne ich dem Fremden angesichts eines Gefühls von Befremdung, in der sich Populisten und vermeintliche Heilsbringer breitmachen und die Ausbreitung einer moralischen Pervertierung fördern.

Holger Heix bleibt in seiner tempogeladenen und intensiv gespielten Inszenierung nah dran am Zeitgeschehen. Albert Follert als Alfred Ill und Eva Schauwecker als Claire Zachanassian zeigen in diesem Stück einen bis an ihre psychischen Grenzen gehenden Auftritt. Die Notabeln der Stadt Güllen stehen ihnen dabei nicht nach. Allen voran Thomas Jopp als Bürgermeister, dem man den gewissenlosen Fiesling voll abnimmt. Alle Akteure haben zum Gelingen dieser Aufführung ihren Beitrag geleistet.

Das Urteil des Premierenpublikums fiel nicht ganz eindeutig pro Freispruch aus. So blieb am Ende das Plädoyer von Claire: Die will, das Alfred weiterlebt. Als Mahnung an alle, die bereit waren, für die Aussicht auf viel Geld sein Blut zu vergießen: „Was ist das für ein Tier, die Gier?“
(Fotos: Gert Fabritius)

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

helmut-blecher

Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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