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Deutschlands Kleinkunstbühnen können sich freuen, aber sie müssen zugleich traueren: Mit "Summa summarum" wird Kabarett-Urgestein Henning Venske landauf, landab nochmals Spuren hinterlassen.

Zugleich aber muss man bedauern, dass ein Mann mit solchem Weitblick und Sachverstand den Rückzug ins Private angekündigt hat. Das Abschiedsprogramm des 78-Jährigen hatte jetzt in der Herborner Kulturscheune Premiere.

Im folgenden lest ihr dazu eine Kritik von Helmut Blecher aus dem Herborner Tageblatt, wie man sie wohl besser kaum formulieren kann:

"Musikalisch begleitet von seinem kongenialen Partner Frank Grischek verabschiedet sich Deutschlands „meistgefeuerter Satiriker“ in diesem Jahr von der Bühne. Der Akkordeonist, der mit Tangos, Musettewalzer, Folk und Klassik für melodische, verträumte und sehnsüchtige Momente sorgte, bildete den musikalisch grandiosen Kontrast zu Henning Venskes gnadenlosen, präzisen und messerscharfen Abrechnung mit der jüngeren deutschen Geschichte und ihrem eher unwürdigen, weil selbstsüchtigen und eitlen Personal.

Venske doziert, referiert, seziert am Stehpult die Geschichte unserer Demokratie, die vieles von dem Ungeist der Nazidiktatur herübergerettet habe. Kommunisten und Schwule würden weiterhin ausgegrenzt von den Eliten, die einen Mehltau der Mittelmäßigkeit und des Gewöhnlichen über das Land legten.

„Unser Vaterland ist ein gesegnetes Land, in dem in erfreulichster Fülle viele faule Äpfel wachsen“, so Venske, der im Verlauf seines Vortrags all die Blender, „Lallbacken“, „Waffelnasen“, „Goldschnittdenker“ und Phrasendrescher frontal angeht. Der Ordnungsfaktor Helmut Kohl stehe exemplarisch als Ordnungsfaktor für die Liste der Amtsinhaber und Würdenträger von Konrad Adenauer bis Angela Merkel.

„Warum musste der Adler unser Wappentier sein? Warum nicht ein Wellensittich namens ,Hansi’ oder das gewöhnliche deutsche Hausschwein, das man ausbeuten kann, bis die Schwarte kracht?“

Die Ausbeute an Verstand und Intelligenz unserer Eliten ist laut Venske hingegen gering: „Bundespräsidenten sind Männer mit der Ausstattung eines Animateurs an der Käsetheke von Edeka.“ Nur Gustav Heinemann nimmt er davon aus, der bekannte, nicht den Staat, sondern seine Frau zu lieben.

„Was ist aus dem Mief der Anfangsjahre geworden, der von der Rebellion der 68er hinweggefegt wurde? Dennoch sind wir nicht klüger geworden“, konstatiert Venske, der in der Umweltzerstörung und die von uns mit Waffen befeuerten Kriege die Ursachen für Flucht und Vertreibung benennt.

„Die SPD ist für den Frieden und dient dem Krieg“, so Venske, der Kohl zubilligt, dass unter seiner Amtszeit kein deutscher Soldat auf Auslandseinsatz war. Goldene Zeiten versprach uns Kohls geistig-moralische Wende und die Menschen glaubten an das Versprechen: Aufstieg und Freiheit für alle. Was blieb war der Wettbewerb und der steigende Leistungsdruck, der wenige Profiteure und ein Heer von Abgehängten produziert habe.

Eigentlich müssten wir an dem verzweifeln, was der Wortakrobat seinem Publikum vortrug. Immerhin sieht er für sich in der Tätigkeit als Frischemanager bei Tengelmann eine sinnvollere Tätigkeit als die überflüssiger Bundespräsidenten, die sich, wie Joachim Gauck, in der Bewahrung als selbstgerechte Heilbringer übten. Venske und Grischek sorgten für feinste musikalische Unterhaltung und die Erkenntnis, dass man mit Wut und Sehnsucht den Jauchspiegel nicht senkt, aber mit Empörung über das Leid anderer dennoch nicht nachlassen sollte.

Nicht Zorn und Ekel, sondern Empathie und Mitleid mit den Schwachen, den Hungernden, den Ausgebeuteten und Unterdrückten sind die Antriebskräfte dieses begnadeten Satirikers, und damit seine Wut auf jene, die das Elend verursachen. Dafür kann man Henning Venske gar nicht genug danken.

(Fotos: Gert Fabritius)

 

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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