012 PanG70 006970 760

Im ersten Anlauf hatte sie im Frühjahr 2015 krankheitsbedingt passen müssen. Jetzt aber war sie da – und wie! Luise Kinseher begeisterte am Donnerstag ein vollbesetztes Haus in der Kulturscheune.

Ihr Programm „Ruhe bewahren“, in dem sie zwar nicht auf Godot, sondern auf den Anruf einer Zufallsbekanntschaft aus dem Aufzug wartet, bietet drei Charaktere, die das Schauspieltalent der seit 2011 als „Mama Bavaria“ beim Starkbieranstich auf dem Münchener Nokherberg aktiven Kabarettistin zur Geltung kommen lassen.

Die vereinsamte Bühnenfigur Kinseher selbst. Oder Mary from Bavary, das „geile Haus“, das sich angeschickert über moderne sprachliche Idiotien wie Powernapping auslässt und auf dem Besuch eines Stüberl statt einer Lounge besteht. Und als drittes Helga Frese mit beigem Wettermantel und getönter Brille und ihrer ganz eigenen Sicht der Dinge.

Kinseher reflektiert über den schnellen Lauf der Zeit („Früher ist man schneller gealtert, hat aber mehr Zeit gehabt“) , garniert das unaufgeregte Programm mit drei ruhigen Gesangsnummern und macht vor allem eins: „Ruhe bewahren!“

(Fotos: Gert Fabritius)

Und hier noch der Presseartikel aus dem Herborner Tageblatt. Autor: Helmut Blecher.

 

Wie man der Langsamkeit der Evolution auf die Sprünge hilft

„Für mich wäre das schon ein schöner Erfolg“, erklärt sie. Nun, ihr Erfolg war noch größer, ihre Zuschauer klebten gut zwei Stunden an den Lippen der quirligen Kabarettistin, die in dreifacher Ausführung (Luise, Helga, Mary) die Bühne bespaßte.

„Ich reg' mich einfach nicht auf“, sagt Luise Kinseher, und dennoch gleicht ihre Ruhe einem brodelnden Vulkan, der bei der kleinsten Erschütterung auszubrechen droht. Auf ihrer „To-do-Liste“ steht nicht nur: Publikum unterhalten, saumäßig lustig sein, Klimawandel aufhalten, Mama anrufen, fürs Alter vorsorgen, sondern auch: den richtigen Mann fürs Leben finden. Den glaubt sie in einem Hotelfahrstuhl gefunden zu haben, und wartet mit wachsender Ungeduld auf dessen Anruf.

„Ich bin seit 17 Jahren schon 30 Jahre alt“

Doch auch Kinsehers Bühnenfiguren geben ihr keine Zeit zum Durchatmen. Die mit hochprozentiger Achtsamkeitsmeditation abgefüllte „Mary from Bavary“ lässt sich von ihren Freundinnen in einer gnadenlosen „Gnadenhofgymnastik“ die Gelenke überdehnen. Und Helga Frese beißt sich an ihrem Gatten Heinz fest, den sie mit seinem Alzheimer zeitlich nicht verorten kann. Die Relativität der Zeit ist für Luise Kinseher ein einziges Mysterium, dem sie mit der Quantenphysik beizukommen versucht. Bei ihr und ihrer Familie war und ist es immer halb drei, seit ihr Großvater aus der niederbayerischen Provinz nach München wanderte, um nach der Zeit zu fragen: „Halb drei!“

Derweil beschließt die Kabarettistin die Welt morgen zu retten und kokettiert zunächst mit dem Publikum über ihre erotische Ausstrahlung. „Ich bin seit 17 Jahren schon 30, was aber nicht mehr lange gut geht“, erklärt sie. Darüber hinaus weiß sie als Münchnerin, die immer noch auf der Bühne steht, um eine Eigentumswohnung zu finanzieren, dass die Lebenszeit viel zu teuer geworden ist: „Als wir auf die Welt kamen, haben wir einfach mitgegessen. Heute sind Kinder nur noch ein Kostenfaktor. Wer früher stirbt, lebt billiger.“ „Wir konsumieren Zeit einfach nur so weg. Wir reden und essen heute wesentlich schneller als Goethe“, konstatiert Kinseher.

Derweil singt sie, auf den Anruf ihres Traummanns wartend, „Dream A Little Dream Of Me“, und lässt Helga Frese über die Leidenschaft mit ihrem Heinz plaudern. Das fulminante Figurenszenario der vielfach preisgekrönten Kabarettistin machte vor Weltuntergangsszenarien nicht Halt, die die CSU als auch die Bayern an sich einschließen, wenn sie bei der großen, drei Tage dauernden Finsternis zu Hause bleiben und die Fenster schließen. Bis zum erlösenden Anruf ihres Traummannes bot Luise Kinseher einen wundersamen Trip durch Zeit und Raum. (hel)

 

 

 

 
Autor
Jörg Michael Simmer

jms2016

Jörg Michael Simmer ist seit 2001 Vorsitzender des Vereins "Herborner Heimatspiele e.V.", dem er seit seiner Gründung 1990 angehört. Er ist für die Programmzusammenstellung in der Kulturscheune verantwortlich und seit 1984 aktiver Schauspieler.
 

 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn