MalmsheimerJochen Malmsheimer 23

Lange mussten die Kabarettfreunde auf den ersten Auftritt von Jochen Malmsheimer in der Kulturscheune warten. Jetzt war er da mit seinem, die Grenzen zwischen Sinn und Unsinn sprengenden Programm.

Das trug den Titel: „Wenn Worte reden könnten, oder 14 Tage im Leben einer Stunde“. Und alle Zuhörer im ausverkauften Saal waren sich einig, dass sie von einem Meister des literarischen Kabaretts mit begnadeter Fabulierkunst schier überrollt wurden.

Jochen Malmsheimer ist als cholerischer Wortbildhauer und Schachtelsatzarchitekt eine Klasse für sich. Der Mann spricht halt gerne. Er tut es mit Inbrunst und mit Nachdruck. Mit seiner Mischung aus Alltagsgeschichten, schriller Kammeroper und Dramoletten sorgt er für Tränen der Heiterkeit. Unverwechselbar, schonungslos unüberhörbar und lustvoll ist sein Vortrag. Man kann ihn auch dabei fotografieren, in Ton gießen oder in Tusche zeichnen.

Der literarische Komödiant erzählt Geschichten aus den Niederungen des Lebens und erklärt wie man im Fachmarktcenter keine Modelleisenbahn kaufen kann, ohne den dazugehörigen Bahnhof, den man in 200 Einzelteile, allerdings noch mühsam zusammenkleben muss. Eine wahrhaft Sinn und Verstand peinigende Angelegenheit.

Während Malmsheimes Mineralwasser Körpertemperatur erreicht, gerät er selbst immer mehr in Rage. Wenn er auf seine Kinder und seine beiden Hunde zu sprechen kommt, die wie die Hundehalter unter dem Leinzwang zu leiden haben, der von Oberwachtmeistern mit Schnauzbärten unerbittlich überwacht wird, hat der Alltagsunsinn Konjunktur.

Übers Ruhrgebiet, dieser tollen Gegend mit den vielen wunderbaren Menschen, weiß der Mann aus Bochum – ganz klischeefrei – etlichen Schmunzelkram zu erzählen. So über seine „Omma“, die zu siebzig Prozent aus Kleidung und zu dreißig Prozent besteht. Und dass früher alles besser war, weiß er auch, obwohl es damals nicht gab, auch keine Gegend. „Die wurde erst in den 1940ern von den Amerikanern aus der Luft abgeworfen.“

Jochen Malmsheimers Zeitgeist-Revue offenbart Kuriosa aus den Siebzigern, als Frauen noch von zu stramm sitzender Unterwäsche umgebracht wurden („Mein Hüfthalter bringt mich um“) und die an Küchenkacheln verklebten „Pril“-Blumen, die selbst die Abrissbirne überdauerten. Und seine Jugend zwischen „Spuckbrüderschaften mit „Ahoj“-Brause und dem Partykeller, wo er den ersten Sex hatte, der von der Partnerin seinerzeit nicht als solcher erkannt wurde, kam ebenso wenig zu kurz wie das Fernsehen, das aus drei Programmen bestand. „Das 3. Programm war voll verschneit und die Oma musste immer die Antenne halten. Damals wurden die Senioren zuhause gepflegt. Es war halt nicht alles schlecht“, konstatiert Malmsheimer, der es versteht, die Grenzen zwischen Poesie und Anomalie stets offen zu halten.

Bei dem Spezialisten für epische Komik bleibt kein Wort auf dem anderen. Das Geschäft des Sprechens beherrscht er wie kaum ein anderer. Wie es den Worten dabei ergeht, erfahren die Zuschauer, wenn er die Worte zum reden bringt. Was von uns allen mehr oder weniger schamfrei und inflationär betrieben, statt liebevoll den Umgang mit Wort und Klang liebevoll zu pflegen, demonstriert Malmsheimer in Kneipen-Szene mit störrischen Adjektiven und überheblichen Verben.

„Wenn Worte reden könnten, dann könnten Zahlen rechnen“, erklärt der Kabarettist, der bekennt: „Ich bin mir vertraut. Ich bin die Antwort auf Eure Fragen, die noch keine gestellt hat“. Letztlich weiß er nur, dass die Welt geschaffen ist, um ihm auf den Sack zu gehen. „Der Mensch ist eine Sackgasse der Evolution“ Punktum! In seiner Zugabe wettert er gegen die Unsitte Sport zu treiben, wo es doch angenehmer wäre, es einfach es horizontal miteinander zu treiben oder stattdessen in die Sauna geht.

Jochen Malmsheimer bot über zwei Stunden lang ein fulminantes Programm, das gespickt war mit wundervollen apokalyptischen Visionen. Selten hat man in der KuSch so herzhaft gelacht.

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

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