Hagen RetherHagen Rether IV

Viel Zeit und eine gehörige Portion Sitzfleisch mussten die Fans in der ausverkauften KuSch auch für die aktualisierte Version von Hagen Rethers „Liebe“ mitbringen. Unter drei Stunden geht bei ihm gar nichts.

Das  Publikum konnte sich an dem unverschämten, musikalischen, rasend komischen und rabenschwarzen Vortrag des Kabarettisten ergötzen oder ängstigen . Denn trotz seines charmanten Auftretens, machte Rether keine Kompromisse in Sachen ungeschminkter Aufklärung.

Unsere Welt ist in einem schlechten Zustand, daran haben 250 Jahre Aufklärung nichts geändert. „Heimatspiele“-Vereinsmitglied Hagen Rether sieht bei seinem neuerlichen Auftritt dringenden Handlungsbedarf in Sachen Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. „Was geht hier ab? Wer ist hier stark? Wer ist hier schwach?“ Rether fragt und gibt Antworten über den Zustand unseres Daseins.

Für ihn bedeutet das, klare Kante zu zeigen, statt sich an den Blitzableitern für unsere Befindlichkeit - von Merkel über Böhmermann bis zu Erdogan - abzuarbeiten. Es liegt an uns allen, die Welt zu retten, die immer komplizierter wird, die in einem Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten zunehmend undurchsichtiger wird.

Der Moralist, Atheist und Veganer Hagen Rether, der seit Jahren mit seinem sich ständig variierenden Programm „Liebe“ unterwegs ist, ist nicht wirklich lieb. Schließlich weiß er, dass wir mit romantischer Gefühlsduselei nicht weiterkommen, wenn wir uns unsere Menschlichkeit bewahren wollen. Den „Wutbürgen“ entbietet er seinen Zorn („Zorn ist Wut mit Abitur“). Nur so können wir dem „Kacksystem“ mit weniger Angst entgegentreten.

Während Georg Schramm, die Kabarettbühne verlassen hat und Volker Pispers eine Pause einlegt, macht Hagen Rether weiter mit seinen bösen Wahrheiten. Schließlich ist Eile geboten, damit unsere schöne runde Welt nicht endgültig platt gemacht wird. Rether dreht sich auf seinem Drehstuhl, putzt das Bühnen-Piano, auf dem er am Ende eine Moritat wider den ungerecht verteilten Reichtum und den damit verbundenen Exzessen anstimmt.

Derweilen wird der Lebensoptimismus nach unten geschnaubt. „Alles ist viel schlimmer, als wir uns das gedacht haben, Der Druck ist wahnsinnig groß“, weiß der Moralist, der für die Langweile eine Lanze bricht: „Langeweile schaffen wir nicht, das macht uns Angst. Was wäre hier los, wen ich sechs Minuten nichts sagen würde?“

Der Vordenker für mehr Lebensqualität aus Essen hat die Ruhe weg. Natürlich ist das nur äußerlich. Mit leiser Stimme redend, denkt er sich in Rage, wenn er für das Recht auf freie Entfaltung der Kinder, die Rechte der Frauen und das Recht auf freie Sexualität plädiert, während Gewalt stets sanktioniert wird. Grenzen und Grenze setzenden Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten sagt Rether den Kampf an: „Wir müssen nicht Grenzen schützen, sondern Menschen.“ Alle Menschen sind gleich, wenngleich „Bratzengesichter“ von ihm keinen Bonus bekommen.

„Die Amerikaner sind freundlich und oberflächlich. Wie sind unfreundlich und oberflächlich." Rether poliert nicht nur das Piano, er poliert uns auch die Visage, räumt in unserem Oberstübchen auf, damit wir uns auf das Wesentliche unseres Seins konzentrieren. "Wir sind pausenlos empört über alles, nur um von unseren eigenen Fehlleistungen abzulenken“, erklärt er. "Wir suchen immer noch unser Heil bei falschen Heilsbringern, um uns über andere unheilvoll erheben zu können."

Die Religion, die Institution Kirche und ihr Personal werden von Hagen Rether wenig schmeichelhaft abgekanzelt, ganz gleich ob muslimische Evangelikale oder der Dalai Lama, der für ihn „der Peter Lustig für enttäuschte Christen ist.“ "Auch als Atheist kann man ein freundlicher Mensch sein“, bekennt Rether. Für ihn sind Religionen etwas für feuchte Männerträume, während Frauen immer die Arschkarte ziehen.

„Viel Text, ich weiß. Ob ich das bis 2 Uhr alles durchbekomme?“ Hagen Rether macht kurz vor Mitternacht doch noch Schluss. Viel Krasses, was echt krass ist, spricht er noch an. Den Dreck in der Umwelt, den Dreck den wir essen. „Wie machen uns kaputt, wenn wir so weitermachen. Dabei haben wir haben panische Angst vor Veränderungen“, sagt der begnadete Vordenker, der kein Problem darin sieht, wenn Metzger nichts mehr zu tun haben. Für ihn können sie ja auf Altenpfleger umschult werden. Die werden in Zukunft mehr gebraucht. Und angesichts der Tatsache, in welchem Tempo wir die irdischen Ressourcen verblasen, „ist der IS ein Katzendreck gegen das Auseinanderbrechen der Biosphäre“.

So einen wie Hagen Rether, der weniger satten Wohlstand und mehr sinnigen Verstand predigt, braucht das Volk. Ich fang schon einmal mit mehr fleischfreien Tagen an...

 

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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