FreitagThomas Freitag 3

Ein älterer Kabarettist macht Programm für ältere Kabarettfans. Irgendwie war man unter sich, als Urgesten Thomas Freitag bereits zum zweiten Mal der Herborner Kulturscheune seine Auswartung machte.

Dort ließ er die gute alte Bundesrepublik und seine Politiker aus vergangenen Tagen noch einmal Revue passieren. Doch sowohl die aktuellen politischen Lage, als auch die gesellschaftspolitischen Strömungen in unserem Lande blieben nicht außen vor, sondern er nahm Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten mit spitzer Zunge und trefflichen Pointen aufs Korn – mal komisch, mal wütend, mal anklagend, aber immer auch anrührend.

Vierzig Jahre lang steht Thomas Freitag schon auf den Kleinkunstbühnen der Republik. So etwas muss gefeiert werden, und seine Fans feiern mit. In Herborn, für ihn „der Hort der Menschlichkeit“, kommt der in Alsfeld geborene Kabarettist, der einst mit einer Banklehre ins Berufsleben startete, zunächst bei seinem Rentenbescheid und dem damit verbundenen bürokratischen Wahnsinn an.

Da kann sich der mit enormer Spielfreude und noch größerem mimischen Facettenreichum auftrumpfende Bühnenzampano mächtig aufbrezeln. Er tut’s mit Genuss, wenn er dem in Spätkapitalismus angekommene System Mores lehrt: „Im Sozialismus wird erst verstaatlicht und dann ruiniert. Im Kapitalismus ist es umgekehrt.“

Satire-Kunst mit allerfeinstem Unterhaltungswert zu liefern, das hat Thomas Freitag einfach drauf. Bei seiner Rückschau auf sein Leben und das Beste aus seine Programmen bekommen auch die Katholischen Pfarrer und die Beichte – damals und heute – keine Absolution: „Die Beichte in den Fünfzigern war für uns wie S-Bahn-Surfen heute“, bekennt Thomas Freitag, der die Institution Kirche in einer existentiellen Krise sieht. Jüngere haben keinen Respekt mehr vor Pfarrern in der Soutane („Ist denn schon wieder Christopher Street Day“) und über Neunzigjährigen muss man die Bibel nicht mehr vorlesen: „Sie haben sie noch miterlebt.“

Die Gier, den Egoismus, die Ungerechtigkeit und die allgemeine Kulturlosigkeit, bieten für Thomas Freitag jede Menge Grund und Gelegenheit sich aufzuregen. Er tut es mit Leidenschaft und messerscharfen Verstand. Für die Politik von heute zeigt er nur Unverständnis: „Was macht die Merkel eigentlich beruflich?"

Thomas Freitag versteht die Welt und sein Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik nicht mehr. "Alles wird immer komplizierter, daher muss man heute ein Studium haben“, erklärt er. „Dümmer werden wir trotzdem. Heute kann keine mehr eine Rechnung schreiben. Deswegen bekommt die Frage des Handwerkers nach einer Rechnungsausstellung einen Sinn.“

Als Rentner, die Seele einfach mal baumeln lassen, dem erteilt Thomas Freitag eine Absage. „Wo sonst schon alles am Körper baumelt, muss die Seele nicht auch noch baumeln“, teilt er uns in dem erschütternden Tagebuchreport eines frischgebackenen Rentners mit, der sich nach dem Basteln von jeder Menge Vogelhäuschen kurzerhand entschließt mit Gleichgesinnten einen Konzern für selbige zu gründen, um so dem Rentnerdasein wieder Adieu sagen zu können.

Was sich ein Friedrich Schiller anhören müsste, wenn er heute sein Manuskript von „Die Räuber“ einem Verleger anbieten würde, spiegelt Freitag im Kontext von Genderwahn und der Lust Literatur, TV und Kino im Spagat zwischen Schwiegermutter-häckselnden Schwedenkrimi und Rosamunde-Pilcher-Wohlfühlaroma aufzubereiten, wider. Da wird aus Schillers Karl Moor eine Karla, die im vom Golfstrom umspülten Cornwall ihre große Liebe findet. Und wie es heute um einen Frittenbudenbesitzer bestellt ist, führt uns Thomas Freitag in der Figur des Rheinländers Siggi vor, der in Zeiten des „Salatismus“ und der Antifett-Kampagnen um seine Existenz fürchten muss.

Da hingegen haben es Thomas Freitags Lieblingsfiguren, Willy Brandt, Franz Josef Strauß und Marcel Reich Ranicki. deren Sprache und Gestus er perfekt beherrscht, längst geschafft. Sie führen im Wohnheim auf Wolke sieben ihre Dispute munter fort, gründen Ortsvereine und intrigieren noch immer nach Herzenslust: „Strauß, das war noch ein richtiger Drecksack, aber mit Format“, lässt der Kabarettist das Publikum wissen. Und noch einmal erteilt er dem Kulturpapst Reich-Ranicki das Wort, der sich im Sessel räkelnd am Lied „Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" hochliterarisch abarbeitet.

Es war ein gelungener Abend. Auf dem schmalen Grat zwischen intelligentem Humor und bitterem Ernst balancierend, brachte Thomas Freitag seine Zuschauer zum Lachen und zum Denken!

 

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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