DistelJEB 0823 2500x1671

Zwei Stunden sezierte die "Distel" Politisches wie Gesellschaftliches in der KuSch. Am Ende reflektierten sie ihre eigene Profession: „Wir sind der Stachel am Regierungssitz, doch ist der Stachel noch spitz?“

Wäre dies keine rhetorische Frage gewesen, die da musikalisch vorgetragen wurde, das Publikum hätte zweifelsohne mit „Ja“ geantwortet. Die Akteure der „Distel“ präsentierten ein Kabarett-Stück, das Maßstäbe setzt. „Im Namen der Raute“, der Titel ließ erahnen, dass es hier um Angela Merkel gehen würde. Doch die Kanzlerin war letztlich nur die Konstante, auf die immer wieder referiert wurde, deren Geist zwar über allem schwebte, die aber nicht persönlich in Erscheinung trat.

Schon dieser Kunstgriff machte deutlich, dass Caroline Lux, Edgar Harter und Timo Doleys es verstehen, mit feingeistiger Satire zu brillieren. Die Rahmenhandlung des „Kabarett-Stücks“ darf durchaus als kurios bezeichnet werden. Eine klassische Brautentführung bringt die Braut und ihren Entführer ins Berliner Traditionshotel Adlon. Mit dabei ein Onkel, der, wie sich herausstellt, gar nicht der Onkel, sondern ein ehemaliger RAF- Terrorist ist.

Als Buffetschnorrer unter dem Decknamen Käthe Ring treibt er mittlerweile sein Unwesen. Im Hotel soll es gleichzeitig ein Treffen von Merkel und Obama geben – die Verwicklungen sind vorprogrammiert. Vor allem, weil neben vielen politischen Persönlichkeiten auch der Geheimdienst vor Ort ist. NSA-Agentin Rose Buster und ihr Begleiter aus dem Schwabenland sowie ein Berliner Verfassungsschützer debattieren in den fiktiven Hotelräumlichkeiten unter anderem über Datenschutz und Persönlichkeitsrechte.

Dabei entlarven sie - dank ihrer jeweils spezifischen Geheimdienstparanoia - in ihren Dialogen die Absurdität, die hinter der Abhör-Affäre steckt. In immer anderen Rollen erscheinen die drei Kabarettisten auf der Bühne. Und das Publikum begegnet so den kleinen und großen Akteuren der politischen Bühne. Die stellen sich in ihren Reden entweder selbst bloß oder lästern wunderbar über Koalitionspartner und politische Gegner.

So erklärt Ursula von der Leyen, wie sie die Bundeswehr mit „einem Crossover aus Regiments-Kitas und hochmodernen Drohnen“ auf Vordermann bringen will. „Windeln wechseln und Haubitzen putzen“ lautet die Devise. Ihre Strategie im Kampf gegen den Terror im Nahen Osten: „Bei uns zieht die Frau ohne Schleier in den Krieg während der Mann mit der Waffe zuhause sitzt und Tee kocht. Das macht die fertig. Den Rest erledigt mein Lächeln.“ Von der Leyens eigentliches Ziel ist es aber, Kanzlerin zu werden. „Wer die Bundeswehr gezähmt hat, der schafft auch ein Kabinett mit den Sozis.“

Breitseite bekommt sie von Sigmar Gabriel: „Ein Stock im Hintern ist noch lange kein Rückgrat.“ Verzweifelt sucht Peter Altmeier Hilfe beim „Astro-TV“ und klagt sein Leid. Merkel habe den dezenten Hinweis, sie solle zurücktreten, nicht verstanden. „Oder was glauben Sie, warum wir der Rente mit 63 zugestimmt haben?“ Mutti könne übrigens ihre Meinung so oft aufspalten wie Atome. Die Wahrsagerin verspricht ihm den Lohn beim Übertritt in eine andere Welt: „Immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Aufsichtsratsposten her.“

Das Distel-Ensemble wurde am Abend in exzellenter Weise seinem Anspruch, die Realität im Jahr elf der Merkel-Herrschaft zu karikieren, gerecht. Mit spitzer Satire wurde dabei nicht nur die Politik aufs Korn genommen. Das Handelsabkommen „TTIP“ mit den USA erklärten sie dem Publikum in Form der aus der „Sendung mit der Maus“ bekannten „Lach- und Sachgeschichten“. Es ging um Nachrichtensendungen, die zum Unterhaltungsprogramm verkommen, um die Abgas-Affäre bei VW („Die großen Affären bei VW heißen Auspuff und im Puff.“) und um Flüchtlingspolitik.

So will Moses sein Volk aus Ägypten führen, scheitert aber an den Grenzposten der EU. Er beschließt, mit seinem Volk zurückzugehen. „Da bleibe ich lieber Sklave in Ägypten, soll der Alte sich doch ein anderes Volk aussuchen“, wettert er. Immer wieder begeisterten die drei Akteure, gemeinsam mit den Musikern Stefan Schätzke und Tilmann Ritter mit tollen „Spott-Liedern“. Diese sind teils für die Show geschrieben, teils sind es bekannte Lieder mit neuen Texten. So singt der französische Hoteldirektor „Putin wohnt im Ritz“ auf die Melodie von Irving Berlin, oder der Klaus-Lage-Klassiker „Tausendmal berührt“ wird beim „Politik-Tourette“ zu „Tausendmal gehört“.

Autor Martin Maier-Bode und Regisseur Dominik Paetzholdt haben mit „Im Namen der Raute“ ein wirklich hervorragendes und geistreiches Kabarett-Programm erschaffen, das von Caroline Lux, Edgar Harter und Timo Doleys großartig präsentiert wurde. Neben der Rahmenhandlung, greifen sie auch immer wieder auf das Genre Kabarett zurück - kommentieren, diskutieren, karikieren dieses. Gerade diese Einschübe sind es, die dem Programm noch mal eine besondere Note geben. Es ist nicht nur der Verfremdungseffekt, der wirkt. Vielmehr bekommt der Zuschauer die Ahnung, dass hier nicht „von oben herab“ kritisiert wird, sondern, dass den Urhebern die Problematik der Wirksamkeit und die Eigenheiten des eigenen Tuns bewusst sind.

Ein großartiger Kabarett-Abend, von dem das Publikum restlos begeistert war. Und am Ende kam sie dann doch noch: Angela Merkel. Obama hatte den Besuch abgesagt, die Kanzlerin nutzte jedoch die Hotel-Suite („Wäre doch schade drum!“) noch mit ihrem Ehegatten Joachim Sauer. Konrad-Adenauer-Rouladen wolle sie morgen kochen, sagte „Mutti“. „Du meinst Kohlrouladen“, korrigierte Sauer. „Zumindest haben die Substanz – im Gegensatz zu meiner Politik“, konstatierte die Kanzlerin.

 

 

 

 
Autor
Jenny Berns

jenny-berns

Jenny Berns ist Volontärin bei der Zeitungsgruppe Wetzlardruck. Nach Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Geschichte in Gießen war sie bis März 2012 als Online-Redakteurin tätig und arbeitete 2012-2015 für den Marbuch-Verlag. Ihre Interessensgebiete sind Literatur, Film und Theater.
 

 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn