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Kabarett auf höchstem Niveau hat das Publikum in der „KuSch“ erlebt. Arnulf Rating, Altmeister des Kabaretts und Mitbegründer der „3 Tornados“, war mit seinem aktuellen Programm „Rating akut“ zu Gast.

Wo die Anzahl der Zuschauer zu wünschen übrig ließ, ließ Ratings Auftritt hingegen keine Wünsche offen. „Morgen kommen hier Flüchtlinge rein“, so eröffnete Arnulf Rating in der Rolle der Krankenschwester Hedwig sein Programm. Und weil sich eben Til Schweiger um diese Flüchtlinge kümmern wolle, täte es ihr zwar furchtbar leid, sagte die Schwester aber, „die Kultur geht raus, Schweiger rein“.

Wer angesichts dieses Einstiegs in Bezug auf das Programm des kabarettistischen Altmeisters noch Zweifel hegte, merkte schnell, hier wurde politisches Kabarett auf höchstem Niveau geboten. Abgrund und Wahnsinn des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Zeitgeschehens auf nationaler bis lokaler Ebene führte Rating vor. Und dabei kam er dankenswerterweise ganz ohne dumpf-platte Beschimpfungen rechter Gesinnungsgenossen und billige Flachwitze aus, sondern richtete das Augenmerk der Zuschauer dahin, wo es richtig weh tut, sprich: auf die Hintergründe für politisches und soziales Versagen der Gesellschaft.

Der Programmtitel „Rating akut“ verdeutlichte: die Probleme sind akut. Ein, wie von der Pharmaindustrie gern beworbenes Akut-Heilmittel hatte Rating nicht zu bieten. Doch er ist schließlich kein Arzt, vielmehr Kabarettist und somit einer, der auch am Abend in der „KuSch“ vortrefflich analysierte und demaskierte.

Und dies tat Rating in Form einer rasanten verbalen Karussellfahrt, bei der höchste Konzentration gefordert war und dem Zuhörer das Lachen aufgrund der Erkenntnis bisweilen im Hals stecken blieb. Das zu Beginn des Programms entworfene Szenario und die sehr präzise Medienkritik bildeten den roten Faden, von dem ausgehend sich die kabarettistische Diagnose mit kunstvollen Wortspielen, scharfsinnigem und scharfzüngigem Witz sowie jeder Menge Ironie entwickelte.

So könnten die Flüchtlinge doch hervorragend in Kirchen untergebracht werden, denn dort gehe außer chinesischen Touristen so gut wie keiner mehr rein, konstatierte die Krankenschwester. Auch der Sitzungsaal im Bundestag wäre ja meistens so gut wie leer und böte sich als Alternativ-Unterkunft an. In der Rolle der Krankenschwester noch harmlos nett, betrat Rating, als er selbst, dann die Bühne mit einem Koffer voller Zeitungen und Magazine. Schon da wurde deutlich, er hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch die mediale Aufbereitung unseres politischen Alltags satirisch unter die Lupe zu nehmen. Doch zunächst widmete sich Rating erstmal dem deutschen Wertesystem, das am Bröckeln sei: Pünktlich wie die Deutsche Bahn, sauber wie Volkswagen und ehrlich wie die Deutsche Bank.

Und die höchsten Ämter im Land würden von einem „Feldprediger“ und einer Pfarrerstochter bekleidet. Wir hätten somit doch quasi schon einen Gottesstaat mit Predigern aus dem Nahen Osten. Auch der politische Rest bekommt sein Fett weg: Ex-Bundesminister Ronald Pofalla, der selbst auf Schienen noch neben der Spur sei, oder Sigmar Gabriel als „Dick & Doof“ in einer Person und nicht zu vergessen der aufrechte Christ und Waffenlobbyist Volker Kauder („Ein Christ zum Schießen!“). Willkommenskultur als Ausweg aus der von Lobbyisten und Wirtschaftsbossen verschuldeten Weltkrise, weil sich eben die Reichen „in Davos treffen, um mit uns Schlitten zu fahren“, „32 Menschen auf der Welt mehr besitzen als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung“ und sich die Achse des Bösen schnell einmal verschieben lasse, wenn es darum ginge, mit dem Iran Geschäfte zu machen.

Warum das keinem auffällt, erklärte Rating in der Rolle des desillusionierten Enthüllungsjournalisten Karlheinz, der einmal zu viel enthüllte und seinen blumigen Schreibstil nun in der Garten-Beilage der Zeitung hegen und pflegen darf. Zeitungsjournalismus erschöpfe sich heute in der Anzeigenumfeldgestaltung, wetterte der. Der Begriff „Lügenpresse“ sei völlig verfehlt, es müsse eher „Rudelpresse“ heißen, denn heutzutage gäben wenige Leitartikelschreiber die Meinung vor „und alle anderen meinen hinterher“.

So würden „ganze Baumstämme zersägt, um das Brett vor unserem Kopf dicker zu machen“. Und während Rating in der Rolle des Hausmeisters Kalkowsky noch das Elend der Altersarmut thematisierte, erklärte der ebenfalls vom Kabarettisten verkörperte Finanzmakler Guido Greuel „dynamisch, flexibel und hoch motiviert“, warum Flüchtlinge für die Wirtschaft gut sind. „Wer hilft, dem wird geholfen“, konstatierte Greuel und erklärte, dass sich die Flüchtlingsheime dank Fördermaßnahmen später prima in City-Lofts oder Supermärkte umwandeln ließen. „Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts“.

Und mit dem Bild von Angela Merkel (die „Lady Gaga aus der Uckermark“) als europäischer Freiheitsstatue mit Bleistift und Antragsformular bewaffnet im Hintergrund, ließ Rating die Weltgeschichte der vergangenen Jahre noch einmal in Bild-Schlagzeilen Revue passieren. Dies ließ für ihn dann nur einen Schluss zu: „Wir brauchen ein paar wirklich Verrückte, wir sehen ja, wo uns die Normalen hingebracht haben.“

 

 

 
Autor
Jenny Berns

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Jenny Berns ist Volontärin bei der Zeitungsgruppe Wetzlardruck. Nach Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Geschichte in Gießen war sie bis März 2012 als Online-Redakteurin tätig und arbeitete 2012-2015 für den Marbuch-Verlag. Ihre Interessensgebiete sind Literatur, Film und Theater.
 

 

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