KBL III003

Einen durchweg unterhaltsamen Abend fernab des Mainstreams haben die Zuschauer im Rahmen des zehnten Spieltags der Kabarett-Bundesliga erlebt. In der KuSch trafen Roger Stein und das Kabarett-Doppel "Schwester Cordula" aufeinander.

Das Duell der Künstler war weniger ein Wettstreit der Geschlechter als vielmehr eine Frage von laut oder leise. Große Gestik wetteiferte mit feinsinniger Mimik. Der ebenfalls als Kabarettist und Comedian bekannte Martin Guth moderierte den Abend und holte als ersten Künstler Roger Stein auf die Bühne.

Stein konnte in der „KuSch“ bereits als männlicher Part des Duos „Wortfront“ begeistern. Auch bei seinem Solo-Auftritt hatte er die Zuschauer schnell auf seiner Seite. Der Wahl-Berliner präsentierte in Form von Musik-Kabarett eine ansprechende und mitreißende Mischung aus Feingeistigem und Tiefgründigem, die er mal melancholisch-sentimental, dann wieder sehr ironisch-bissig und bisweilen auch einfach humorig darbot. Dieser Wechsel war ansprechend und spannend zugleich.

Beispielsweise begann er seinen Auftritt mit einem tiefsinnigen Lied über die Zeit, das er zum lauten Ticken eines Metronoms vortrug. Die Zuschauer wurden aus ihrer nachdenklichen Stimmung aber sofort wieder herausgerissen, denn Stein widmete einer „Ex-Angebeteten“ eine kleines Ständchen: „Coralie, dich krieg´ ich nie; gewährst mir keine Gnade - schade!“ Herrlich böse war das Sinnieren über Klassentreffen. „Glück gehabt!“, freute sich Stein im Hinblick auf das heutige „dumpfe Reihenhausgesicht“ der einst umschwärmten Mitschülerin, die ihn in Jugendtagen zurückwies.

Liebevoll und mit leichtem Sarkasmus gespickt, räsonierte er über die Reglementierungswut der Intellektuellen, die zwar im akuten Notfall einen Ertrinkenden nicht rettet, dafür in Zukunft aber - zumindest theoretisch - die Leben Tausender zu bewahren hilft. Lockere und eingängige Melodien sorgten dafür, dass das Vorgetragene trotz des Denkanspruchs gut verdauliche Kabarett-Kost blieb. So bekam unter anderem der ironische Blick auf das spießbürgerliche „Heile-Welt-Bild“ dank des „Sorglos-Pakets des Wiener Walzers“ fast schon Hitcharakter.

Besondere Akzente setzte Stein dabei nicht nur durch seinen Gesang, sondern vor allem durch sein sehr ausdrucksstarkes Klavierspiel. Der gebürtige Schweizer krönte zum Abschluss seinen Auftritt mit einem sehr bewegenden, sentimentalen und autobiographisch anmutenden Song. Dieser drehte sich um die Geschichte einer Familie - beginnend am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Geburt des Großvaters, über den Stein sang: „Er konnte nicht mit Menschen, er konnte nur mit Pferden“. Ein fast schon poetischer, auf alle Fälle starker Abgang, den Martin Guth nicht zu unrecht als „Gänsehautmoment“ bezeichnete.

Im zweiten Teil des Abends wurde das "Heile-Welt-Bild" in Form eines parodistischen Angriffs auf den Groschenroman auseinandergenommen. Saskia Kästner las als „Schwester Cordula“ aus einem jener Romane vor, die die „heile Welt fürs kranke Gemüt“ zum Inhalt haben. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Bühnenpartner Dirk Rave, der „für die musikpädagogische Begleitung auf dem Akkordeon“ zuständig war. Auch diese beiden Künstler können durchweg als „Erste Liga“ bezeichnet werden. Jedoch weicht ihr Programm noch stärker von dem ab, was der Zuschauer unter dem Begriff „Kabarett“ zu sehen und zu hören gewohnt sein dürfte.

Vordergründig in Form einer „Lesung“ persiflierten Kästner und Rave das in den romantisch angehauchten Romanheftchen zelebrierte Frauenbild. Inhalt des am Abend Vorgestellten: Kalte Karrierefrau vernachlässigt ungewolltes Kind, schiebt dieses zum Vater - einer einstigen Affäre von ihr - ab, wird am „Happy-Ende“ im Angesicht des Todes von ihrer desolaten Einstellung „geheilt“ und ist fortan glückliche Mutter und Hausfrau.

Kästner, die auch Schauspielerin und Synchronsprecherin ist, spielte ausgewählte Romanszenen wunderbar überzeichnet vor. Kästner schrie, jammerte, lachte, tanzte, stöhnte oder stampfte sich mit großer Mimik und Gestik durch halb pornografische Erotikszenen, Entführungsdramen und Höhlenunfälle. In der Rolle der umstrittenen Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin Christa Meves streute sie pseudowissenschaftliche Thesen, die das Rollenbild vergangener Tage belegen, ein.

Dirk Rave steuerte immer wieder Zitate aus dem Erziehungsratgeber des ehemaligen Tennisspielers Boris Becker bei. Gemeinsam reflektierten Rave und Kästner die Romanhandlung mehrfach mit umgetexteten Klassikern der Popmusik. Leider war die Darbietung in einzelnen Passagen ein wenig schwergängig und zog sich etwas hin - auch wenn Rave es schaffte, dies mit seiner Mimik und seinen Kurzkommentaren abzumildern.

Ähnlich wie bei vielen Schauspielen kam auch beim Programm von „Schwester Cordula“ die Wendung, die den ironisch-sarkastischen Sinn des Ganzen vollends offenbarte, erst ganz zum Schluss. Eine Form des Kabaretts die, wenn man weiß, was einen erwartet, wirklich gut ist.

Am Ende kürten die Zuschauer jedoch Roger Stein mit 6:4 Punkten zum verdienten Sieger des zehnten Spieltags.

 

 

 
Autor
Jenny Berns

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Jenny Berns ist Volontärin bei der Zeitungsgruppe Wetzlardruck. Nach Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Geschichte in Gießen war sie bis März 2012 als Online-Redakteurin tätig und arbeitete 2012-2015 für den Marbuch-Verlag. Ihre Interessensgebiete sind Literatur, Film und Theater.
 

 

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