Thiel002

Andreas Thiel, seines Zeichens Kabarettist, Karikaturist, Kolumnist und Schweizer mit Teilzeitwohnsitz in Indien sowie das Duo „Les Papillons“ haben zum dritten Mal Station in der Herborner „Kulturscheune“ („KuSch“) gemacht.

Es war nach zehn Jahren der letzte gemeinsame Auftritt und einer der besonderen Art dazu. Bissig, scharfzüngig, hochgeistig, sehr politisch und dabei bisweilen politisch inkorrekt, so ist Thiel in den Printmedien beleumundet. Zudem soll er einer sein, der teilweise unter Polizeischutz auftreten muss, weil er sich nicht scheut, auch auf heiklem Terrain mit seiner Kunst zu reüssieren. All das ließ Einzigartiges erwarten: Kabarett-Ahnen wie Helmut Qualtinger oder Dieter Hildebrandt müssten verblassen und scharfzüngige Kritiker wie Georg Schramm sich ausnehmen wie Mary Poppins.

Angesichts des vielen Lobes und der damit verbundenen hohen Erwartungen war an diesem Abend aber weniger Lametta als erwartet vorhanden. Um fair zu bleiben, muss aber gesagt werden, dass das, was Thiel auf der Bühne der „KuSch“ darbot, durchweg gut und auch intellektuell auf hohem Niveau war.

Doch der Reihe nach: Der Schweizer Kabarettist begann mit einer Exkursion zu den nationalen Eigenheiten des Humors im Dreiländereck Deutschland, Österreich und Schweiz. Das ist nicht wirklich neu. Und auch die Tatsache, dass gerade gute Satire nicht zwingend zum Lachen anregt, ist seit Jean Paul und in Bezug auf das Kabarett spätestens seit Klaus Budzinski kein Geheimnis mehr. Stärker wurde der Auftritt dann im Rahmen zweier fiktiver Interviews. Thiel präsentierte diese auf eine Art, die mindestens ebenso trocken war wie der Champagner in seinem Glas.

Gerade das machte den Charme der Sache aus und das Gespräch mit der Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga über die Einführung der Todesstrafe per Volksabstimmung entpuppte sich als fast schon philosophischer Diskurs zum Thema Grenzen der Demokratie. Sehr schön auch der ebenso fiktive Dialog zu der Frage Atom-Strom oder alternative Energien. Den politischen Irr- bzw. Unsinn, der sich nicht selten im Zusammenhang mit letzteren feststellen lässt, brachte er in Form von Tomaten ans Tageslicht, die mit Hilfe der verschiedenen Stromarten gezüchtet werden.

Das Ganze war, wie auch die Wiederaufnahme des Themas in Form einer Hinrichtungsszene, mehr Allegorie als Parabel. Solche Höhepunkte waren am Abend zahlreich vorhanden. Der Zoobesuch mit dem Großvater, der gleichzeitig ein Ausflug in die Politik war oder die palästinensischen Pinguinschmuggler („die Tiere ähneln in ihrer Form Bomben“) gehörten mit Sicherheit zu diesen verbalen Glanznummern. In anderen Bereichen machte Thiel jedoch der Figur des Edelpunks und damit dem personifizierten Oxymoron alle Ehre: Die Überlegungen zur Herkunft des Papstes – bösartig und wirklich gut.

Thiel dachte laut nach: Die Italiener hätten nach dem Dritten Reich einfach ihre Probleme damit, einem deutschen Führer zu folgen. Mittlerweile säße ja ein Argentinier auf dem Stuhl Petris, aber sei Argentinien nicht das Land gewesen, in das Nazis nach 1945 bevorzugt ausgewandert wären? Der Satz zur katholischen Geldvernichtungsmaschine Tebartz van Elst („Das deutsche Kreuz hat einen Haken“) hingegen mag böse klingen, entbehrt bei genauer Betrachtung jedoch des logischen Zusammenhangs.

Gegenläufig zur Ankündigung, nur ernste Satire bieten zu wollen, gab es in der zweiten Hälfte zudem doch den einen oder anderen Sprung ins komische Fach. Die Lob-Tadel-Fröschlein der Waldorf-Schule oder das Tanzen komplexer verbaler Äußerung garantieren einfach Lacher. Und die angekündigte Kritik am radikalen Islamismus und den Salafisten? Die erschöpfte sich größtenteils in einem Vergleich mit dem Fantasy-Helden Harry Potter, der auch die Stimme der Schlange gehört habe, aber klüger als der Prophet gewesen sei, weswegen Potter auch weitere fünf Bände überlebt habe.

Wenn für solche Äußerungen Polizeischutz nötig ist – und das ist jetzt keine Kritik an Thiel, dann darf der Deutsche froh sein, dass es die Volksabstimmung nur in der Schweiz gibt. Zum Auftritt des Mannes mit der bunten Irokesenfrisur könnte noch viel geschrieben werden, beispielsweise zu den herrlich abstrus-grotesken „Traumdichtungen“.

Zu kurz kommt dabei leider der Part von „Les Papillons“. Giovanni Reber und Michael Giertz boten eine musikalisch wirklich hervorragende und zugleich aberwitzige Vorstellung. Sie verknüpften Klassisches und Modernes, wobei sie mit ihrer Interpretation und ihrem spielerischen Können genauso faszinierten wie mit ihrer herausragend komischen Mimik und ihren pinkfarbenen Anzügen. Vielleicht gibt es Gelegenheit demnächst einen Soloauftritt der beiden in der „KuSch“ zu erleben. Die Zuschauer, leider wenige an der Zahl, waren vom Auftritt der Musiker und vom Kabarettisten Andreas Thiel restlos begeistert.

 

 

 
Autor
Jenny Berns

jenny-berns

Jenny Berns ist Volontärin bei der Zeitungsgruppe Wetzlardruck. Nach Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Geschichte in Gießen war sie bis März 2012 als Online-Redakteurin tätig und arbeitete 2012-2015 für den Marbuch-Verlag. Ihre Interessensgebiete sind Literatur, Film und Theater.
 

 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn