Thiel008

Es war in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnlicher Abend, den die Zuschauer in der Herborner Kulturscheune erleben durften. Kabarett abseits des Mainstreams, das von den Besuchern konzentriertes Hinhören forderte.

Ein scharfzüngiger Satiriker und Wortschmied im Maßanzug mit scharfer Klinge, schwarzem Humor und dreifach gebundener Krawatte. Und zwei Musiker, deren Ritt durch bekannte Melodien zur wahren Ohrenweide geriet. Andreas Thiel und das Duo „Les Papillons“ (alias Giovanni Reber und Michael Giertz) sorgten in der KuSch auf Schweizer Art für Begeisterung.

Die Lieblingsthemen des Polit-Kabarettisten mit der Regenbogen-Punkfrisur sind nicht unbedingt lustig, handeln sie doch gerne Mord und Totschlag. Und obwohl er immer wieder vorgibt, sich nicht für Politik zu interessieren, so landen selbst seine Ausflüge in die, zum Teil absurde Poesie im Clash der Religionen und Kulturen.

Bei Andreas Thiel ist nichts konventionell, so auch im Privatleben. 2009 wanderte er für zwei Jahre nach Island aus, anschließend lebte der Berner mit seiner Frau drei Jahre lang in Indien. Inzwischen ist er wieder zurück in der Schweiz und lebt dort sein Credo: „Comedy ist lustig, Politsatire aber wahr“.

Bedächtig am stets gut gefüllten Champagnerglas nippend, ist Thiel stets darauf bedacht zu provozieren und dennoch den Dialog unter den Menschen zu aktivieren. Dabei verteilt er seinen Zynismus gerecht an alle Kontrahenten, lebt die politische Unkorrektheit mit höchster sprachlicher Präzision aus und rückt Schweizer Regierungsmitglieder, den Parteien im Nahost-Konflikt oder humorlosen Religionsvertretern gleichermaßen auf den Pelz.

Den Palästinensern bietet er Rom als neue Hauptstadt an. Da gäbe es ja sicherheitshalber schon eine Mauer drum herum, zudem könnten die Katholiken ja nach Südamerika auswandern „Da leben ohnehin die meisten, und der Papst kommt auch von dort.“

Das komplizierte Geflecht der Strompreise erklärt der Schweizer mühelos am Beispiel gezüchteter Tomaten, um diesen Gedanken – typisch Thiel – später bei einem seiner vielen absurden Dialoge im Rahmen einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl (wo der Häftling unter Strom aus Atomkraft, Wasser- oder Solarkraft wählen kann) wieder aufzunehmen.

Auch die französische Marine und im Besonderen ihr Paradeschiff der Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ bekamen einen satirischen Seitenhieb ab. „Der verlässt ständig das Trockendock in Toulon und kommt nach kurzer Zeit mit Maschinenschaden wieder zurück“, habe er mehr als einmal in den Nachrichten gehört. Kein Wunder, dass die Franzosen gerne in den Befreiungskampf des lybischen Volkes eingegriffen hätten - so dicht vor dem eigenen Trockendock.

Alpträume hat er, wenn er beim Arte-Quiz die Fragen zur Quantenphysik nicht beantworten kann, und wenn alle Stricke reißen, dann redet er eben mit dem Salat und weiß dabei genau, dass die Welt eigentlich nicht mehr zu retten ist.

Das aber hindert weder ihn, noch seine beiden kongenialen Partner von „Les Papillons“ daran, es jeden Abend aufs Neue zu versuchen. Als Michael Giertz (Piano) und Giovanni Reber (Geige), deren aktuelles Bühnenprogramm nicht umsonst „Patchwork Classics“ heißt, ihren Instrumenten die ersten Töne entlockten, wussten auch die Unmusikalischsten unter den Zuhörern, dass hier eine ganz besondere Nummer anlief.

So liebenswert chaotisch wie mancher Textbeitrag von Andreas Thiel, so scheinbar wahllos wirkte auch die Zusammenstellung der aneinandergereihten Instrumentalbeiträge von „Les Papillons“. Da trafen sich plötzlich Abba und Pachelbel, die Stars-Wars-Titelmelodie und Queens „We will rock you“ oder der „Final Countdown“ von Europe im musikalischen Parforceritt. Dass im deutschen Kirchenlied „Lobe den Herrn“ auch islamisch-orientalische Elemente vorhanden sind, das dürfte bis zum Herborn-Auftritt der beiden Musik-Virtuosen kaum ein Zuhörer gewusst haben.

Man musste musikalisch jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen und war jedes Mal fasziniert was da alles zusammenpasste, passend gemacht wurde und nahtlos ineinander verschmolz.

Insgesamt war es ein Abend, der etwas Besonderes war, und das nicht nur wegen des beschriebenen Geschehens auf der Bühne. In Herborn endete nach zehn Jahren die Zusammenarbeit der drei Schweizer, die künftig ihren Projekten nur noch solistisch nachgehen. Wer Zeuge des „Finale furioso“ in der KuSch gewesen ist, der wird dies zurecht bedauern.

(Fotos: Jenny Berns)

 
 

 
 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn