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 Frische und zumeist unbekannte Künstler bewerben sich in diesem Jahr um den „Schlumpeweck“, der sich in der Kleinkunstszene längst zu einem heiß begehrten Preis

entwickelt hat. Wie schon in den vier Jahren zuvor, stehen sechs Endrundenteilnehmer im Rampenlicht. Diese wurden  im Vorfeld von der Jury aus über 100 Kandidaten ausgewählt. Mit dem Sprachakrobaten Marcus Jeroch und dem Rostocker A-cappella-Trio „Muttis Kinder“ traten am Montagabend in der ausverkauften Kulturscheune die ersten zwei Kandidaten an, die sich nach ihren bejubelten Auftritten als heiße Anwärter auf  einen der insgesamt vier hochdotierten „Schlumpewecks“ empfahlen.

Wie ein etwas zu dünn geratener Albert Einstein, dafür aber nicht minder intelligent und strotzend vor faszinierender Querdenkerei, wirkte der Kabarettist, Jongleur und Sprachakrobat Marcus Jeroch auf das Herborner Publikum. Der Hamburger, der vor acht Jahren das erste reguläre Programm in der damals neu eröffneten Kulturscheune bestritt, wirkte bei seinem neuerlichen Auftritt so frisch wie damals, obwohl seine Gedanken aus seinen gepuderten Haaren kräftig staubten. Wilhelm Busch der Jetzt-ZeitMit Ernst Jandls „Prosa aus der Flüstergalerie“ stieg Jeroch in seine von verschraubter Jonglierkunst und noch verschraubteren Sprachverrenkungen begleiteten Revue aus wilden, grotesken und skurrilen Geschichten und Gedichten ein. Wie ein Wilhelm Busch für‘s 21. Jahrhundert, der, gepaart mit der sarkastischen Komik diverser Literaten des 20. Jahrhunderts, aus der spröden Oberfläche der deutschen Sprache feine Gebilde aus Schwere und Leichtigkeit formte, verblüffte und verzauberte der  Künstler  seine Zuhörer.

Jeroch, der sich als ein „Tropfenfänger“ deutscher Sprache und Dichtung gerierte, der seine Zunge und seine Gliedmaßen in Rage versetzte, zeigte sogar in der Kunst des Weglassens mehrerer Buchstaben aus dem Alphabet, dass dadurch nicht das Sprachgebäude zum Einsturz gebracht wird, sondern daraus neue Poesie erwächst.

Mit leichten, zweisilbigen Reimen („Die Vase, das war se“, „Klirr, das war Geschirr“) übte er sich in humorvollem sprachlichen Nonsens, um sich anschließend in seiner Version des „Dornröschen“ grotesk und voll versteckter Philosophie als Märchenonkel zu präsentieren, der die Moral der Märchenwelt kurzerhand auf den Kopf stellte.

„Schöpfe deine Welt“, so lautete das  Credo des spindeldürren Wortschöpfers, der mit der Erkenntnis eines Einsteins bekannte, dass wir in der Welt des Zweifels leben. „Welt heißt Welt, weil sie sich wellt“, bekannte der wellengleich in die Sprachkunst eintauchende Jeroch.   Vom frühkindlichen MaMa (mach mal) bis zur Muse des Dada warf er mit Worten und Bällen nur so um sich, tauschte ihre Sinne und verstellte das Sagen.

 Marcus Jeroch gab dem Publikum die Freiheit zurück,  nach Belieben aufzustehen.  Und auch der widernatürlichen Trennung der Geschlechter auf den Toiletten nahm er sich an. Aus „Ge-schlecht“ könnte ein gemeinsames „Ge-gut“ werden. Dieser Mann war einfach nur gut.Stimmen nicht nur zum SingenEine Show voll akustischer Überraschungsangriffe lieferte anschließend das Rostocker Vokal-Trio „Muttis Kinder“ ab, das gewürzt mit skurrilem Humor, eine Songmischung aus Schlager, Pop, Rock, Jazz und Klassik präsentierte, mit der die Künstler dem ansonsten sattsam bekannten A-cappella-Genre neue Aspekte abgewannen. Mit dem Spiritual „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ eröffneten Claudia Graue, Christopher Nell und Marcus Melzwig ihr Programm, ohne sich dabei als mutterlose Kinder zu fühlen. Mit Elan, stimmlicher Vielfalt und starker Bühnenpräsenz zeigten die Vokal-Drillinge, dass sie längst keiner Bemutterung mehr bedürfen. Die bereits mit etliche Preisen bedachten Künstler demonstrierten, dass ihre   Stimmen  nicht nur zum Singen da sind, sondern in der Lage waren, einer Vielzahl von Instrumenten und Klageffekten den nötigen Drive zu geben.

Ob „Sweet Dreams“ von den Eurythmics oder ihre Interpretation von Leonard Cohens „Hallelujah“, die drei musikalischen Spaßvögel trafen in jeder Tonlage den Nerv des Publikums. Genussreich ließen sie in der KuSch die Sonne untergehen und den Mond aufgehen – Wolfsgeheul inklusive. Muttis Lieblinge beglückten Schlagerfans mit ihrer skurrilen Fassung von „Eine Liebe ist wie ein neues Leben“ und Queen-Liebhaber bekamen mit Christopher Nells Solo-Komplettversion von „Bohemian Rhapsody“ – mit Luftgitarre und Mama-Mia-Chören – die ultimative Rock-Dröhnung verpasst.

Als sich Muttis Lieblinge mit dem Wiegenlied „Irgendwo auf der Welt“ von den Comedian Harmonists vom Publikum verabschiedeten, war allen klar, dass ihr starker Auftritt mehr als nur aller Ehren wert war. Ein Wiedersehen am Sonntag ist nicht ausgeschlossen.

Am Mittwoch geht der Wettbewerb um die Schlumpewecks mit Calvero und René Steinberg in die zweite Runde.

(Fotos: Helmut Blecher + Gert Fabritius)

 

 

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Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

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