Suchtpotential 044

Frisch, frech, kess und ungemein musikalisch, so präsentierte sich das Duo Suchtpotenzial einem leider nur kleinen Publikum in der Kusch, das dem als "KuSch-Tip" angekündigten Act mit Neugier begegnete.

Dafür waren die schwäbische Pianistin Ariane Müller und die Berliner Sängerin Julia Gámez Martin mit ihrem „Alko-Pop“- Gebräu aus Chanson, Rock, HipHop, Jazz oder Reggae eine ganz große Nummer, die den Herborner Musentempel kurzerhand im eine „Wohlfühlscheune“ verwandelten.

Für Kabarett zu hart und zu wenig Chanson für einen Chanson-Preis, wie es ihnen Katja Ebstein bescheinigte, tanzte das wahrhaft süchtig machende Duo zwischen allen Kleinkunst-Disziplinen. „Musik von Betrunkenen für Betrunkene“, so kündeten Julia Gámez Martin und Ariane Müller ihre Werkschau „100 Prozent Alko-Pop“ an. Vor den Liedern von Suchtpotenzial über sämtliche Suchtpotenziale – von Eifersucht über Drogensucht bis zu Sexsucht - gab es kein Entrinnen: „Ich man dich High, bis du der Sucht erliegst und gar nicht mehr genug von mir kriegst“, schmetterte Julia ins Mikrofon, während Ariane dazu behänd in die Saiten und Tasten griff.

Mit schwäbischer Gründlichkeit und Berliner Schnauze spielte und sang sich das Duo in die Herzen der Zuhörer. Verstärkt wurde die Zuneigung noch durch ihr Bekenntnis, nicht nur fürs Leben in der Kleinstadt affin zu sein, sondern auch fürs Landleben überhaupt Auf der Suche nach dem richtigen Ort, weg von Berlin und all seinen Zwangsneurotikern, trällerten sie: „Ich will nen Bauer, einen ganzen Kerl vom Land“.

Zu laut für's Altersheim und zu versaut für den Kindergarten. Dafür leidenschaftlich albern mit starkem Hang zum Rockstar-Dasein, lieferten Suchtpotenzial eine über zweistündige Show ab, die mit zum Besten gehörte, was man in der endenden Kusch-Session 2014/15 erleben konnte. Mit Witz, Drive, Verve, Mimik und grandioser Komik, spielten die herzerfrischenden Ladies ihre unterschiedliche Herkunft, ihre unterschiedlichen Temperamente und ihre gemeinsam Sozialisation im Musical-Genre perfekt aus.

Man sinnierte mit bitterböser Ironie und Galligem über Currywurst mit Spätzle, und über die Vorzüge oder Nachteile von Blondinen gegenüber Brünetten, nur um sich schließlich darauf zu einigen, dass man Rothaarige hasst. Das Duo, das seine Lieder mit Texten spickt, die meist durch „Schnapsideen aus Bierlaune“ entstanden sind, nahm kein Blatt vorm Mund, um sich mit ihrem einzigartigen Sound von ihrem „Musical-Tourette-Syndrom“ zu heilen. Dabei handelten Julia und Ariane so ganz nebenbei ihre sämtlichen Baustellen ab – vom Penisneid über das Gutmenschentum, die BH-Größen und die nie fündig werdende Suche nach dem Sinn des Lebens.

Oh, Yeeeaaah! Die wahrhaft süchtig machende Droge Suchtpotenzial verfehlte in der Kusch ihre Wirkung nicht. Man war hingerissen von den rappenden, rockenden, und röhrenden Mädels, die zwischen Klassik, Blues, Samba und Chanson nichts anbrennen ließen. Mit ihren sinnlichen Stücken über Laster und Liederlichkeit trafen Julia und Ariane den Nerv des Publikums, Mit ihrem finalen Sommerhit „Der Sommer an sich“ verabschiedete das Duo und empfahl sich zugleich für weitere Auftritte in Herborn.

Die volle Dröhnung, Wahnsinn!

 

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

helmut-blecher

Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

 

 

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