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Sind wir nicht alle ein bisschen Freaks? Der Kanaille Mensch, die es mit den Todsünden todernst meint, ist das Düsseldorfer Kom(m)ödchen Ensemble mit seinem aktuellen Programm „Freaks“ auf der Spur.

In der aktuellen Besetzung Christian Ehring („heute show“, NDR „Extra 3“), Maike Kühl und Heiko Seidel lieferten sie am Dienstagabend in der proppenvollen Kulturscheune eine angriffslustige, pointenstarke Show aus klassischem Polit-Kabarett, skurrilem Theater, Musik und Sitcom ab.

Aus dem Off ertönt der reißerische Jingle für die Sammy Boehme Show. Der Star der Sendung ist der Prototyp dämlicher Fernsehunterhaltung. Mit Glitzeranzug wanzt er sich ans Publikum ran und übertüncht so seinen sparsam ausgestatteten Verstand, der seine, ihm intellektuell überlegenen Gagschreiber, zur Verzweiflung bringt. Boehme, der Voltaire für den Erfinder der Autobatterie hält, Rimbaud mit Rambo verwechselt und lieber schlecht improvisiert als zu denken, fühlt sich dennoch allen überlegen. Schließlich ist er es, der glaubt zu wissen, was die Zuschauer wollen: „Dass man es denen da oben mal so richtig besorgt“.

Texter Christian will für die Show nicht mehr arbeiten, die für ihn zu wenig politisch ist. Die Redaktionsleiterin versucht ihn zu besänftigen. Für sie zählt nur der Erfolg, während sich der äußerlich vergammelte und von seiner Freundin verlassene Producer und Writer Wolfgang einfach nur überfordert fühlt. Er wäre viel lieber Bäcker geworden, stattdessen macht er was mit Medien.

In dem von enormer Spiellust geleiteten Kabarett, in dem sich auch die musikalische Qualitäten des Ensembles voll entfalten können, bekommen die Texte des Autorenteams Christian Ehring und Dietmar Jacobs den richtigen Tiefgang. Aktuelle Themen wie der Euro, TTIP, der Papst und die Wahrung der Würde beim Verprügeln der Kinder, die Ausstattung der Bundeswehr, die den Terrorismus nach Deutschland holen will, damit man die Arbeit mit nach Hause nehmen kann, erfahren ebenso die passende Würdigung wie Religionen aller Art. Zu kurz kommen auch nicht Putin und die Ukraine sowie die faulen Griechen, bei denen wir so gerne Urlaub machen, weil sie die Arbeit locker nehmen: „Wer Leute sehen will, die arbeiten, würde zum Urlaub nach Leverkusen fahren, sich vors Bayer-Werkstor setzen und mit dem Fernglas die Stechuhr beobachten“, so Ehring.

Die Erkenntnisse der „Gagschreiber“ treffen beim Publikum voll ins Schwarze. Das klassische Kabarett, gepaart mit griffiger Komik, herrlicher Stand-up-Comedy und Sprüchen wie: „Überall in der Politik sehe ich nur Pfeifen, da krieg ich Tinnitus am Auge“, sorgt für permanente Lacher und Dauerbelastung der Zirbeldrüse. Nichts ist dem Kom(m)ödchen-Trio heilig, um sich mit bissiger Ironie, bösem Sarkasmus und ätzender Satire an ihren herrlich überzeichneten Figuren abzuarbeiten.

Christian Ehring als Christian Ehring brilliert am Flügel, singt und begibt sich in Sachen Religion auf dünnes Eis. Und wenn die Gags noch dünner werden, gibt’s Geräusche à la Sammy Boehme. Maike Kühl sorgt als Maude für Pointen, ebenso wie als vermeintlich dümmliche Praktikantin Vanessa, die an ihrer Hollywood-Karriere bastelt, es aber nicht auf die Reihe bekommt, Kaffee zu besorgen. Und völlig durchgeknallt wirkt sie als Charity-Lady, die 250 Euro für Afrika einsammelt, um sie anschließend mit einem Erster-Klasse-Flug direkt vor Ort zu verteilen. Darüber hinaus erweist sie sich als Chanteuse, ganz im Stil der Grande Dame des deutschen Kabaretts und Kom(m)ödchen-Gründerin Lore Lorentz. Heiko Seidel schlüpft nahtlos in die Rolle des ungeliebten Wolfgang und in die des Lieblings des Fernsehpublikums, Sammy Boehme. Zum Brüllen real zeigt er sich schließlich in der Figur eines neureichen rheinländischen Unternehmers, der für sich alles einfordert („Leck mich in de Täsch“) und fürs Volk Verzicht.

Im zweiten Teil des Abends in der Kusch fängt das anfänglich etwas sperrige Programm am Brandherd Islam und Islamismus Feuer. Am Ende wird Christian wegen seiner Rolle als Selbstmordattentäter vor den Kabarettgerichtshof gezerrt und Wolfgang und Vanessa finden sich und ihre Berufung in einer Landbäckerei in der Eifel. 

Mit minutenlangem Beifall wurde dieser wunderbar theatrale Abend des Kom(m)ödchen-Ensembles gefeierte. Treffsicher und unterhaltsam war ihr Blick hinter die Kulissen der Unterhaltungsindustrie. Mit der Erkenntnis, dass Freaks immer die anderen sind, war Schluss mit lustig.

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

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Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

 

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