Neutag006

„Wer ist dieser Jens Neutag?“ - Das fragte sich zunächst so mancher Besucher der Kulturscheune Herborn. Mit der Antwort, die der politische Kabarettist während seines Programms lieferte, schienen alle zufrieden.

Die Chemie stimmte einfach zwischen Publikum und Vortragendem – auch wenn er bei seinem sechsten Soloprogramm mit dem Titel "Das Deutschlandsyndrom" manche deutsche Eigenschaft aufs Korn nahm und irgendwie jeder sein Fett wegbekam.

In Deutschland, monierte Neutag etwa, gebe es zu wenig optische Ausreißer. Kleine Frauen würden ihre fehlende Körpergröße mit Schuhwerk mit viel zu hohen Absätzen kompensieren. „Sie müssen in die Knie gehen, damit der Kopf oben bleibt“. Die Lippen der Damen seien nur aufgespritzt, um sie im Falle eines Falls als Airbag nutzen zu können. „Wenn dann mit diesen auf dem Bordstein festgesaugt ein Unterdruck entsteht, helfen Piercings an der Unterlippe.“

Zu dick dürfe Deutschland nicht sein – zu dick sei ein Frevel. Militante Ernährungsberaterinnen, die auf die Brigitte-Diät schwören und isotonische Fitnesstrainer, die statt Tschihad Qigong predigten, hätten sich mit einer Armada fundamentalistischer Bewegungsbolschewisten zusammengetan: den Joggern. „Diese autistischen Schwitzfaschisten erbrechen sich allabendlich in die Innenstadt, angetrieben vom Fetisch der Fettlosigkeit. Sie beten den Götzen der Gewichtslosigkeit an.“ Doch – never ever – dürften sie die Grenze der maximalen Belastung erreichen, das „Fatburning Guantanamo“ der Trimmdich-Bewegung. Zu dünn hingegen könne in Deutschland niemand sein.

Neutag nahm die SUV-Fahrer aufs Korn, ebenso die Sofa-Demonstranten, die nur per Online-Petition protestierten: „Da hockt man zu Hause gemütlich auf dem Sofa, die eine Hand in der Chipstüte und mit der anderen protestiert man per Mausklick" und erzürnte sich über die „Schnäppchen-Geilheit“der Deutschen: „Die Steigerungsform ist Schnapps – Schnäppchen – Übergeschnappt.“ „Outletstore“ ist für ihn das Unwort des Jahres. Diese würden täglich von einer Armada SUV-fahrender Schnäppchenjäger heimgesucht. Da werde die Verkäuferin angebellt: „Gibt es das bauchfreie Top auch in XXL?“

Das Kaufverhalten der Deutschen, die lieber online vermeintlich günstigere Socken kauften und dabei auch das viel zu hohe Porto in Kauf nähmen, habe enorme Auswirkungen auf die Innenstädte. Hier fänden sich die ewig gleichen Läden . Zukünftig würden innerstädtische und teure Wohnviertel entstehen: „Da wohnen dann nur noch Arschlöcher, die das Sozialverhalten eines angeschossenen Pitbulls zu Tage legen.“ Diese Geldelite gebe auch noch Managerseminar und vermittle dort „How to be a Arschloch“. Am Gedankengut eines solchen ließ Neutag das Publikum teilhaben: „Oscar Pistorius gaukelte uns vor, er gehöre zur Elite. Dabei hat der noch nicht mal ein Bein.“

Bei soviel Unmut und Wut, die sich bei Neutag beim Betrachten Deutschlands einstellt, hilft ihm nur eine Therapie: Schreiben statt schreien. So beuge er dem Deutschland-Syndrom vor, sagt er.

Und schreibt. Über Hallenbäder etwa, die nur in der pubertären Phase der Besucher zu ertragen sind. Sie würden regiert von Bademeistern, den „Sonnenkönigen der Chlorkaribik“. Ihren Meistertitel hätten sie wahrscheinlich in den Fächern Besserwissen, Trillerpfeifen und Sitzen abgelegt, vermutete der Kabarettist. Er mokierte sich über die deutschen Großbaustellen: „Da wird schon Jahre zuvor die Baustelle weiträumig abgesperrt, damit die Straße sich mental auf das Loch vorbereiten kann.“ und über Beamte: „Die trödeln nicht, die haben bürokratische Fastenzeit.“

Im Internet verzichte der Deutsche auf jegliche Privatsphäre: „Lass die mal machen. Ich habe nichts zu verbergen.“ Privat aber verstecke er sich hinter Holzlamellen-Zäunen, die aussähen wie die Grenzzäune zwischen USA und Mexiko. Die NSA hingegen könne man nicht sehen und „was der Deutsche nicht sieht, das ist nicht da“, ärgerte sich Neutag.

Vor allem aber widmete er seine aufgestaute Wut einer besonderen Spezies: den Politikern. Dabei mimt Neutag Che Guevara und auch Altkanzler Helmut Schmidt, stark hustend und ständig auf dem letzten Loch pfeifend. Früher sei man noch aus Idealismus in die Politik gegangen und habe sich noch was getraut, wettert er: „Wir wilden Vögel haben sogar in geschlossenen Räumen geraucht." Was nach ihm in den Reihen der SPD gekommen sei, sei zum einen Scharping gewesen, dessen Name schon nach asiatischer Vogelgrippe klinge, dann Oskar aus der Mülltonne und anschließend Gerhard Schröder, der Gasableser Putins. Die SPD habe es zudem geschafft, die Finanzmärkte zu entriegeln und Hartz IV als moderne Sklaverei einzuführen.

Auch „Wischi-Waschi-Merkel“ kriegte ihr Fett weg, ebenso Christian Lindner, der „neoliberale Milchbubi“ und Sigmar Gabriel, der „intellektuelle Windbeutel im Körper eines Wildecker Herzbuben“.

Ist das Deutschland-Syndrom ansteckend? „Für Deutsche schon, für Menschen nicht“, so das Resümee Neutags. Er empfahl als Therapie etwas Anarchie: Stellen Sie den Müll einen Tag vor Leerung raus.“ Und für ganz Hartgesottene: „Nehmen Sie morgens Elmex und abends Aronal.“

 

 

 

 

 
Autor
Ute Jung

ute-jung

Ute Jung ist feste Freie Mitarbeiterin der heimischen Tagespresse. Sie berichtet vorwiegend über das Geschehen im Haigerer Raum.
 

 

 

kbl2014

Dauerkarte Deutsche Kabarettmeisterschaft
Sie können Ihre Dauerkarte auch nach Beginn der Kabarettmeisterschaft kaufen.
Das Ticketsystem stellt Ihnen die verfügbaren Tickets zusammen und berechnet Ihren Preis.

Ticket 1. SpieltagTicket 2. SpieltagTicket 3. SpieltagTicket 4. SpieltagTicket 5. SpieltagTicket 6. SpieltagTicket 7. Spieltag

KuSch TV

Auf diesem YouTube-Kanal berichten wir über Künstler, die auf unserer Kleinkunstbühne in Herborn auftreten.

Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

KulturScheune Herborn - Herborner Heimatspiele e.V.      Austraße 87     35745 Herborn