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Schlumpeweck 2014 I003

“Same procedure as every year?” Ja, was den Ablauf des Kleinkunstwettbewerbs betrifft (drei Wettbewerbsrunden), die Zahl

der zu vergebenden „Schlumpewecks“ in Bronzeguss (4), die Hauptsponsoren (Friedhelm-Loh-Group/Rittal, Sparkasse Dillenburg und das Stadtmarketing Herbon) und natürlich die Location, der Herboner Kleinkunst-Tempel, die KulturScheune. Ansonsten war bei der siebten Auflage jeder Jeck, der die Bühne betrat anders. Erstmals moderierte der letztjährige Schlumpeweck-Preisträger Benjamin Tomkins die jeweils ausverkauften Wettbewerbsabende (bis auf Dienstagabend, wo ihn Jörg Michael Simmer vertrat). Hoch war das künstlerische Niveau – mit Ausschlägen in Richtung Nachdenklichkeit, unbekümmerten Frohsinns und grandioser Chansonkunst.

Der Kölner Comedian und Soulsänger Marius Jung ist bekennender „Neger“, und das ist gut so“. Er darf sich Neger nennen, denn er ist ja selber einer. Mit politischer Inkorrektheit kratzt er in seinem Programm „Singen können die alle!“ am latenten Rassismus in uns allen. Dabei schabt er genussvoll auch den Lack von jener Betroffenheitsriege ab, die bereit ist, Jahrhunderte der Versklavung der Afrikaner auf ihre zarten Schulter abzutragen, aber dennoch aber nur den Schwarzen durchs Haar zu wuscheln.

Marius Jung, der am Montagabend den 7. Herborner Kleinkunstwettbewerb eröffnete, zeigte auf, wie schwierig und unfreiwillig komisch das Bemühen um das richtige Wort sein kann. Lustvoll und aufklärerisch zugleich arbeite er sich an dem N-Wort ab, und entlarvte zugleich die Peinlichkeit so manches verbalen Eiertanzes von uns weißen Deutschen.

Dem KuSch-Publikum war vieles klar, auch die Tatsache, dass im Dunkeln alle Menschen schwarz sind. Marius Jung, der von Geburt an das „Negerhandwerk gelernt hat“, erwies sich denn auch ganz klischeegerecht als munterer Entertainer und Sänger, der nicht nur den Evergreen „Sunny“ stimmgewaltig aufpolierte, sondern auch der deutschen Nationalhymne im Soul- und HiopHop-Format coolen Glanz verlieh.

Zwei Siegertypen, die zu Dichtern wurden, folgten auf Marius Jung. Harry & Jakob aus Tübingen lieferten sich mit Nachspielzeit einem verbalen Schlagabtausch, der so vorgetragen fast ein ganzes Schuljahr Deutschunterricht abdeckte. Von Goethe bis Schiller, vom Hirsch, der einen Jäger trifft bis zur spontan improvisierten Verbindung von „Herborn hat eine historische Altstadt“ mit Kaktus und Eispickel, reimten, rappten, musizierten und sangen sich Harry Kienzler und Jakob Nacken mit rasantem Tempo und unglaublichem Wortwitz durch die Niederungen und höheren Weihen der deutschen Sprache.

Ohne Rücksicht auf Verluste rückte das Duo mit verbalem Wirrwarr, pantomimischer Grandezza und mimosenhafter Überspanntheit den deutschen Dichterfürsten auf den Pelz oder gerierte sich als Freestyle-Poeten, die in der Lage sind, jeden Poetry-Slam-Wettbewerb in Grund und Boden zu dichten. Harry & Jakob ließen kaum Lücken zwischen den Wörtern –höchstens zwischen den Zahlwörtern, mit denen sie wohl ganze Romane betexten könnten. Auch musikalisch trafen sie ins Schwarze, als sie genussvoll ein Loblied auf sich selbst rappten: „Sag zu dir selbst, ich hab‘ dich lieb“.

Der Kölner Kabarettist Kai Spitzel eröffnete mit seinen gesellschaftlichen Beobachtungen den zweiten Wettbewerbsabend. Auch er sucht dabei immer wieder die Nähe zum Klavier, um seinen Blick auf das Profane im menschlichen Miteinander und dem Alltäglichen aus der Politik auch mit musikalischer Untermalung auseinander zu puzzeln. Gekleidet in schwarzem Anzug, wirkt er wie ein Wiedergänger von Hagen Rether, ohne allerdings ganz seine Bissigkeit und Tiefgang zu erreichen. Die BILD-Zeitung, das dröge Fernsehprogramm, die ehemalige DDR und das Klima in 30 Jahren, wurden von Spitzl ebenso amüsant aufs Korn genommen, wie die AIDA-Kreuzfahrttouristen, die sich sowohl Piraten und Raketenangriffen bestens zu erwehren wissen. Mit seinem melancholischen Abgesang auf die gute alte Glühbirne, konnte er punkten. Bei seiner Auseinandersetzung mit den „Alleskönner“ Putin oder den alles überrollenden Chinesen, die uns irgendwann mit Stäbchen aufessen werden, war die Pointendichte mäßig. Etwas mehr Subtilität und grimmiger Humor hätten seiner Suche nach dem Absurden unter der Oberfläche menschlichen Verhaltens noch besser angestanden.

Zwei die ihr Handwerk verstehen, die Chanson- und Reimkunst mit Charme und Witz perfekt unter einen Hut bekommen, sind „Zu Zweit“. Das Duo Tina Häußermann und Fabian Schläper hatte von Beginn ihres 45-minütigen Sets an, das Publikum auf ihrer Seite. Dieses Doppel, das mit Klavier (gespielt von Tina Häußermann), Gesang und Witz die KuSch zum Beben brachte, war einfach nur keck, kess, und herzerfrischend. Lustvoll ließen sie mit Verve und irrem Drive die Stimmbänder schwingen und machten sich auf alles einen Reim. Die meist stiefmütterlich behandelte Bürozimmerpflanzen wurden zu „Helden der Arbeit“ gekürt, das Liebesleben der Glühwürmchen erfuhr durch „Zu Zweit“ die ihnen gebührende Würdigung. Mit messerscharfem Humor und gewetzten Schnäbeln sangen und parlierten sie über die Unwegsamkeit des Daseins und wirbelten dabei mächtig viel Staub auf: Tolle Verse, tolle Lieder, tolle Performance.

Mattias Romir arbeitete sich am dritten Wettbewerbsabend, mal konkret, mal abstrakt, mal laut, mal leise, im Grenzbereich von Jonglage, Objekttheater und Clownerie ab. Im Troubadour-Kostüm rollte Romir aus der Videoeinwand kommend auf die Bühne, um den traurigen weißen Clown zu geben, der sich schüchtern nach der romantischen Liebe verzehrt. Nicht nur seine Jonglierkunst, mit bis zu sechs Bällen und Kegeln, machte ihn so sehenswert, sondern die Fähigkeit, dem Stress der modernen Welt wie einst Charlie Chaplin seine subversive Komik entgegenzustellen. Ob als Ballmaschinenmensch, der die Tortur des Büro-Alltags pflichtbewusst bewältigt und sich dabei auch buchstäblich entblättern muss, oder als Träumer auf dem Dach. Matthias Romir erntete für seine Performance frenetischen Applaus. Als er zum Schluss einem Luftballon Leben einhauchte, hinter dem sein Kopf verschwindet, zerplatzten seine Geschichten mitten aus dem wahren Leben mit einem großen Knall. Einfach grandios!

Wie schon Matthias Romir, waren auch ['pro:c-dur] nicht zum ersten Mal in der Kusch. Das Essener Duo, bestehend aus dem stets mit kabarettistischen Esprit drauflos plappernden Timm Beckmann (Piano) und E-Gitarrist Tobias Janssen, die im Januar im Rahmen der Deutschen Kabarettmeisterschaft in Herborn gastierten, ließen auch bei ihrem neuerlichen Aufritt in Sachen Tempo, Witz und muskalischer Virtuosität nichts anbrennen. Ob Metallica oder Brahms, ob Coldplay oder Rimksi-Korsakow, die Zusammenführung von Klassik und Rock war für ['pro:c-dur] eine leichte Übung und fürs Publikum pures Vergnügen. Wunderbar fügten sich schrille Dissonanz und musikalische Harmonie mit schrägen und provokanten Sprüchen zu einem höchst unterhaltsamen Ganzen.

Am Sonntagabend wird man wissen, wer die die (drei) Schlumpewecks der Jury und wer den Publikums-Schlumpeweck einheimsen wird.

 

 

 
Autor
Helmut Blecher

helmut-blecher

Helmut Blecher ist freier Autor und Fotograf. Der Dillenburger berichtet seit Jahren über das kulturelle Geschehen vornehmlich an Lahn und Dill und hat bereits Auftrittskritiken für zahlreiche Künstler in der KuSch geschrieben.
 

 

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Schlumpe­weck

Die KulturScheune Herborn lädt in Verbindung mit dem Stadtmarketing, der Sparkasse Dillenburg, der Firma Rittal sowie der Friedhelm-Loh-Group zur Teilnahme am Wettbewerb um den Herborner Klein­kunstpreis "Schlumpeweck" ein.

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